Primo Shllaku auf Deutsch

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Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj
Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

PRIMO SHLLAKU (1947)

Primo Shllaku Der 1947 in Shkodër geborene, aus einer Künstlerfamilie stammende Primo Shllaku bezeichnet sein 1994 erschienenes, 100 Gedichte umfassendes Buch „Nachtblumen“ als Anthologie, es ist eine Auswahl aus den lyrischen Seismographien, die er während 25 Jahren heimlich verfaßt hat, in einer Zeit, in der, wie es in einem seiner Gedichte heißt, „die toten Musen kein Skelett hinterließen/sondern Gras auf den Augen der Greise“. Alle seine Texte sind, wie er im Vorwort „An den Leser“ sagt, „im Schatten gewachsen und gereift. Das kann ihr Tod sein, aber auch ihre Ehre“. Seine Dichtung, so sagt der Autor, ist Zeitzeugin der Generation der um 1950 Geborenen, der unglückseligsten aller heute in Albanien lebenden Generationen, die in ihrer Jugend in den siebziger Jahren die Diktatur voll und ganz zu schmecken bekam, in einer Gesellschaft voller „moralischer Zwerge“ und in einer „Atmosphäre, die das Jenseits grundsätzlich leugnete und dann auch noch verstohlen und nach und nach daranging, das diesseitige Leben des Menschen außerhalb des Gesetzes zu stellen“. Und: „Wir gelangten an die Grenzen der Existenz, ins soziale Koma, zum SCHWEIGEN und bauten dort unser letztes Nest. Das war die erste Chance, überleben zu können.“

Shllakus Gedichte spiegeln die Alpträume einer Generation und einer ganzen Nation wider, legen Zeugnis ab vom Kampf um intellektuelles, emotionales und moralisches Überleben. Seine erst 1994 publizierten Gedichte sind nicht während tatsächlicher Inhaftierung entstanden wie die Gedichte der albanischen writers in prison, Lazër Radi (1916-1998), Arshi Pipa (1920-1997), Kasëm Trebeshina (*1926), Daut Gumeni (*1943), der als politischer Gefangener 23 Jahre eingesperrt war, oder Visar Zhiti (1952), der, ohne literarische Dissidenz betrieben zu haben, durch die Willkür der Machthaber acht Jahre lang in einem der menschenunwürdigsten Gefängnisse Albaniens Zwangsarbeit in Kupferminen leistete. Shllaku war kein offener Dissident und jahrelanger politischer Häftling wie der todesmutige Trebeshina. Er hat nicht gesessen wie Kudret Kokoshi (1907-1991) oder Zef Zorba (1920-1993) und viele andere, sein Knast war der tagtägliche Wahnsinn der irrsinnigen Alltagsrealität und pervertierten Normalität einer Geist, Freiheit und Würde tötenden Diktatur.

Er fiel nicht in Ungnade wegen seiner Verse – er schrieb sie vor aller Welt verborgen, weil er schrieb, was man im Totalitarismus nicht schreiben darf: Verse auf die Liebe, zum Beispiel. Seine Gedichte sind keine Beschreibung erlebten Unrechts wie bei Visar Zhiti oder Ferdinand Laholli (*1960), der in der unsäglichen Trostlosigkeit des gleichen südalbanischen Verbannungsortes aufwuchs wie sein Lyrikerkollege Jozef Radi (*1957, Sohn von Lazër Radi). Die Gedichte des Primo Shllaku sind nur ausnahmsweise direkte Anklagen wie das knappe Gedicht „Das perfekte Verbrechen“, sie sind aus Schweigen geborene Seelenbilder, Schattenrisse, in denen sich die Bitternis der Realität im innersten Erleben des Dichters malt.

Shllaku hat seinem ersten Gedichtband einen zweiten folgen lassen, ein dritter Band ist im Entstehen begriffen. Die Literaturkritik in Albanien hat sein Werk bisher, wie er es formuliert, „mit Schweigen bombardiert“. Nicht umsonst findet sich in einem seiner Gedichte die Zeile „Schweigen – die einzige Wissenschaft“. Die hier veröffentlichten Gedichte wurden auf Deutsch erstmalig in der Zeitschrift Akzente (Nr. 3/1997) veröffentlicht.

von Hans-Joachim Lanksch


PRIMO SHLLAKU

EINE WUNDE

Sieh, dies war mein Blut.
Vor einem Augenblick schoß es mir durchs Herz.
Nimm dieses Blut und häng es an deinen Himmel
als Sonne.
Geht es nicht,
nimm es als Mond.
Geht es wieder nicht,
nimm es wie es ist,
als Blut
das vor einigen Augenblicken
durch mein Herz schoß,
und vielleicht sah es dort
im roten Dunkel
deine Augen voll Licht.

1983

TOTENMESSE FÜR MEINE VERSE

Gelebt habt ihr zwischen zwei Feuern.
Das erste – das der Geburt.
Eure Gebärmutter ist erkaltet.
Das zweite – das des Brennens.
Mein Gedächtnis
nimmt euch nicht auf.
Lautlos
entfaltet ihr euch,
Flammen lecken an euch.
Grablos,
steinlos,
unter einem Hügel Asche
liegt ihr.
Auch dieses Lied
sang ich euch,
auch diese Totenklage
um euch,
ihr mir Geborenen, Gestorbenen,
Söhne heißesten Vergessens.
Die Nacht ruft euch als Sterne,
der Tag tötet euch als Sterne.

(Ohne Datum)

ROTES ZIMMER

Hoher Berg
Freier Fall
Tod des Augenblicks.

Lippen sind dort
Ein Berg Fleisch
Das Boot läuft nicht aus
Die Welle ist heiß.

Nenn mich etwas Nahes
Himmel, zum Beispiel.
Ich nenne dich dann Herz.
Etwas Fernes.

Das Blut kehrt wieder
Diesmal bringt es den Stein
Ich werde dich alleinlassen
Rot wird das Zimmer sein.

1985

ETÜDE

1.
Lieb mich fest, Geliebter.
Heute wird mein Körper, vielleicht, leichter sein
und meine Spur tiefer.

2.
Du bist wie der Berg.
Hast deine Winde
Blumen …
Höhlen …

3.
Ein wenig Geduld, Geliebte,
und an meine Tür, die vertrauteste,
wird mein Blut
den Stein dir bringen.

1985

SOMMERLIED

Das Meer schlicht
Die Welle klar
Lebenslang die Bewegung.

Wogende Fläche begieriger Wellen,
wogender Boden wie ewige Jungfräulichkeit,
Schwimmer in der Ferne
Sonne in Abwesenheit
hochstehend,

Wind
etwas Wind
viel Wind
Orkan von Wind auf neugieriger Haut
die es versteht
Steine im Sand zu erkennen.

1985

WUNSCH

Eine Flasche
zwei …
drei …
viele Flaschen
Flaschen mit abgebrochnem Hals
sie drehen
beißen
ohne Steigerung
eins …
zwei …
drei …
ebensoviele rosige Nabel
doch keine kindlichen.
Danach
möcht ich fliegen,
wenn ich kann,
möchte Flügel haben,
nicht wie ein Engel
auch nicht wie ein Vogel,
wie ein freier Mensch
der einfach geht …

1985

FELDER DER NACHT

Auf Feldern der Nacht starkes Zittern,
Schreie,
Gespenster gar.
Der Mond in der Ecke eine altbekannte Scheibe
ist das einzige Gedenken des Tages der kommt.
Unter der Erde
dein kalter Körper
und ich muß alles behalten.
Über der Erde
dein heißer Körper
und ich kann alles vergessen.

Hör zu!
Die Nacht lebt.
Die Nacht ist lebendig.
Wir sind Zeichen.

1985

BERGE

Eine Kiefer am Berg …
Schnee …
Fern …
Nebel …
Ich.
Hier.
Der Tisch
hat oben
Hände,
Hände gegenüberliegend.
Meine.
Zwischen uns
nur eine Glasscheibe
die noch vibrieren kann.
Auch dieses Mal
wird der Maler
nicht sterben.

Razna, 1986

 

AUGEN

(Triptychon)

Dieser Mensch hat Augen voller Jod.
Für ihn bin ich gelb,
gelb,
denn seine Augen sind voller Jod.

Dieser Mensch hat Augen, gesprenkelt wie die der Katze.
Für ihn bin ich eine Maus,
Maus,
denn seine Augen sind gesprenkelt wie die der Katze.

Dieser Mensch hat Augen wie gekochte Eier.
Für ihn habe ich keine Arme,
denn aus gekochten Eiern
schlüpfen keine Küken.

1987

EINE VERLASSENE KIRCHE

Dahinter, der Berg.
Der einsame Baum
ist das Satzzeichen ihres Schweigens.
Die Zikaden sind fort …
Die Kanäle ihrer Lieder sind leer.
Wolken kommen herein.
Der Berg hat ihren Schatten auf der Brust.
Eine Straße die zu mir heraufklettert
und hinuntersteigt wenn ich erst dort oben bin.
Der Himmel beginnt unterm Dach.
Stimmen von Menschen die einst lebten.
Hätte die Stimme ein Knochengerüst
dann hätte dieses Gebäude innen
einen gewaltigen Knochen.
Ein Gefäß …
Das Gefäß umschloß Wasser.
Überall kann jetzt das Wasser sein.
Das Wasser ist erlöst.
Eingehüllt in das leere Laken des Vormittags,
lädt mich das Gebäude ein, auf den Berg zu steigen …

1987

DIE MALE

Im Anfang war das Meer …
Das Meer und später das Ufer.
Jetzt sind es drei:
Meer, Ufer und Melancholie.

Das Wasser war frisch.
Wasserfall ist es jetzt.

Das erste Mal warst du jung,
dein Leben war ungereift:
eine erste Frucht warst du.
Dein Herz eine Knospe
und wir die wir Zeit hatten …

das zweite Mal
war dein Herz aufgegangen.
Düfte brannten …
Dargebracht warst du
opfergleich.

1987

IKS = X*

Er war das Maß unserer Freiheit.
Während er einen anderen Namen hatte,
wählten wir das Schweigen.

1989

PERFEKTES VERBRECHEN

Einem Diktator

Er säte auf den Acker des Lächelns gelben, georgischen Mais.
Verpflanzte Zahncreme und Zahnbürste in den außergesetzlichen Raum.

1992

DER KOPF DES HAHNS

Auf der Wiese der Kopf eines Hahns der krähte.
Das Auge unten
auf einem scharfen Grashalm
stechend wie Worte.
Das Auge oben
zugewandt einem Himmel
schweigensweit.
Sein Blick wie eine rhetorische Frage.
Himmel – die einzige Freiheit.
Schweigen – die einzige Wissenschaft.
Liebe – die einzige Dimension.

1989

MUSSTE MAN UNBEDINGT STERBEN

Der Himmel überm Faß des Kopfes war schwer
Ich sah meine Knie sich beugen.

Der Himmel über meinem Bauch war schwer
Ich hörte meinen Nabel der schrie.

Die Erde über mir war schwer
Ich spürte meine Hände sprießen.

1992

Übersetzung aus dem Albanischen: Hans-Joachim Lanksch

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Arben Çokaj - Lehrer für Physik & Informatik - Unabhängiger Journalist & Politologe - Bücher Autor

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