Stefan Çapaliku auf Deutsch

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Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj

Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

Stefan Çapaliku (1965)

Stefan Çapaliku

Stefan Çapaliku, geb. 1965 in Shkodra, Studium der albanischen Sprache und Literatur an der Universität Tirana, Promotion. Tätigkeit als Lehrer, Dozent an der Universität Shkodra, Ministerialdirektor im Kulturministerium, Verleger, Dozent an der Theaterakademie in Tirana. Mitglied mehrerer nationaler und internationaler kultureller und kulturologischer Institutionen.

Çapaliku veröffentlicht Lyrik, Prosa, Theaterstücke und literaturwissenschaftliche Arbeiten, bisher 12 Bücher. Preisträger zweier Literaturpreise.

Der hier abgedruckte Monolog ist bei der internationalen Theaterbiennale 2005 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden aufgeführt worden. Es ist der dritte Akt eines Kammerspiels „Tri këngë dashurie“ („Drei Liebeslieder“), das man als Szenen einer Liebe bezeichen könnte: Verliebtsein und Träume im ersten, Desillusionierung und Krise im zweiten, Katharsis im dritten Akt. Der lyrisch intonierte, poetisch expressive Text verzichtet auf die genreübliche Darstellung von Partner-Gezänk. Da er ohne die Einbeziehung und Darstellung nationaler Themen und Motive auskommt, ist er in besonderem Maß „europafähig“ und für Leser und Zuschauer außerhalb des albanischen Sprachraums interessant.

DRITTER AKT
ODER
DER LETZTE SAMSTAG

Auf der Bühne steht ein geschlossenes Klavier. Der Klavierspieler ist nicht da. Er tritt erst am Ende der Vorstellung auf, nachdem die Lichter ausgegangen sind und er das Nachspiel anstimmt. Neben dem Klavier steht ein Stuhl.

Der dritte Schauspieler, Adrian, 60 Jahre alt, tritt auf, wie von Sinnen. Er ist allein und scheint gerade ein Verbrechen begangen zu haben.

ADRIAN: (zu sich selber, mit tragischer Ironie) Ich hab sie umgebracht. Umgebracht. (Pause) Mit diesen Händen. Mit diesen besudelten Händen. Besudelt von Gleichgültigkeit. Wortlos. Schweigend. Ich hab sie mit Trauer bestraft und umgebracht. Sie ist tot. Sie ist weg. Gestorben. Hat gelitten. Gelitten für diese Nacht. Für ihre falsche Freiheit. Die Freiheit, die sie in dieser vergatterten Welt gieriger Mäuler genießen wollte.

Gelitten hat sie. Die einzige Nacht ihres Lebens, die Nacht des Verrats. Des Verrats an wem? Und wofür?!

Lange Pause

Ach! Ich hab sie umgebracht… ich Idiot…! Ich Rindvieh! Ach… wegen Verrat. Der Verrat, des Verrats, dem Verrat, den Verrat. Was für ein Wort „V e r – r r – r a t! Ein blödes Wort, schrecklich, voller Konsonanten. Mit einem Labio-Dental und mit Alveolaren, häßlich, unendlich häßliche Konsonanten, verzerrt, sinnlos, leblos. (Er spricht die Konsonanten nacheinander aus) „v“, „r“, „r“, „t“. Dieses Wort kann dich gefangennehmen, macht dich verrückt, du drehst durch, wirst krank…. Und ich hab sie umgebracht… sie ist weg… nicht mehr da … weggewischt… wie Nebel…

Lange Pause. Er ist ganz aufgelöst, sieht aus wie einer, dem man alles genommen hat.

(Fragt sich selber) Wo ist sie? Umgebracht hab ich sie?!!! Wie?!!! Ich hab doch nie Waffen gehabt: Messer… Pistolen… Brechstangen… weder Gift… oder Strick… noch Schnüre… keine Rasierklinge zum Adernaufschneiden, kein… hab nur mich selbst gehabt… Das hier… (Er deutet auf sich selbst) Ich war voller „das hier“. Voller ‚ich selbst’… Obwohl ich feige bin… hab ich sie umgebracht… Ja, umgebracht… mit meinem gewöhnlichen Zeug … dem allergewöhnlichsten… Ich hab ihren Kopf an meine eiskalte Mauer knallen lassen, die ich immer und jederzeit vor mir hertrage.

Weil… weil… weil ich tot war. Ohne Leben.

Ich war tot gewesen, als sie kam, als sie von dieser Nacht zurückkam. Ich lag im Bett meiner Kindheit und hatte gerade begriffen, daß es zu klein war. Dann hab ich, glaub ich, über mich nachgedacht. Hab mir selbst leid getan, mehr leid als die ganze Welt, als alle Natur. Ganz versunken war ich, in der Vergangenheit, und hab nicht gemerkt, wie sie die Tür aufmacht, sich auszieht, ihre Beine auf meine legt. Ich hab ihren Atem gespürt, sein Parfum, und dann die Hand, die an mir nach unten gleitet. Ich hatte keine Kraft, ihr etwas zu sagen. Ich habe gewartet, daß sie es selber sagt. Ich hab gewartet… Und dann, als ich seinen Geruch in der Nase und in der Lunge hatte, hab ich ihr ganz sanft gesagt:

„Du bist ein Bohémien“, sag ich, „immer hat dir das Ausreißen gefallen, Reisen, die Straßen, lange Nächte weit fort von zu Haus, von dem Haus, das wir nicht gebaut haben, dem Haus, das wir nie hatten.“

„Auch du bist ein Bohémien, auch dir hat das Ausreißen gefallen“, sagt sie mir. „Eben wie einer, der nicht da ist. Da, wo ich bin.“

„Das Ausreißen, mir?!“

„Das Ausreißen vor dir selber, deshalb bist du hier auch gestorben, gestorben in deiner Einsamkeit, in deinem tödlichen Schweigen. Du hast es nie verstanden, zu genießen, dein Körper war dir fremd“, fährt sie fort.

„Und was hat gefehlt, daß du fortgegangen bist? Was hat gefehlt? Das hab ich nie verstanden. Brennholz und Rinderfilets waren da. Was hat gefehlt? Zwei-drei einsame Stühle auf dem heißen Sand, die verlorene Kindersandale hat das Meer ans Ufer gespült, auch die Muscheln einer früheren Nacht. Wie angewurzelt habe ich gewartet, daß du gehst. Weg von meinem Schatten. Was hat gefehlt? Ein Schiff vielleicht… Das Schiff mit dem Anker im tiefen Blau…?“

Ich hatte keine Kraft, ihr zu widersprechen. Ich war kaputt. Ich konnte nicht einmal den Kopf schütteln. Aber… es ist wahr. Es ist wahr. Man lernt auch noch, wenn man schon tot ist, wenn sie einem die Hand zwischen die Beine stecken, wenn einen der Zorn umgehauen hat, wenn die Augen trüb geworden sind und man die eigene Haut nicht mehr erkennt.

„Aber wie ist es passiert?“ Wie ist es passiert? Ich weiß nicht, woher diese Stimme kam, diese indirekte Frage, plötzlich, verstohlen. Was wollten die von mir. Wer fragt mich… wer interessiert sich dafür. (Ironisch) „Ach ja, wie ist es denn passiert?“

Alles wegen der Einsamkeit. Es ist passiert, als ich zum ersten Mal in meinem Leben daranging, zu schwimmen, weil ich mich zum ersten Mal im Leben sicher fühlte. Kurz davor hatte ich Schwimmen gelernt. Sie war es, die es mir beibrachte, mir beibrachte, im Tiefen zu schwimmen.

„Du spürst das Wasser“, hatte sie gesagt, „Du spürst es, wie es von allen Seiten an dich herankommt, an dich heranklatscht.“

Und so war ich wohl weit hinaus geschwommen, weit hinaus und weit fort vom Ufer. Als ich mich umwandte, verstand ich zum ersten Mal, daß ich mich so weit hinausgewagt hatte, daß ich keine Möglichkeit mehr hatte, zurückzukehren. Ich hatte keine Kraft. Sie und die anderen dort am Ufer sahen klein aus, sehr klein. Wie klein mag ich ihnen erst erschienen sein, vielleicht wie ein Nichts. Das einzige, wozu ich Kraft hatte, war, die dort zu hassen… zu hassen… zu hassen nicht gerade, sondern etwas mit einer Beimischung von Geringschätzung. Vielleicht…. vielleicht aber… war ich auch gerettet.

Dann hab ich mich über sie aufgeregt, daß sie mich so weit hinaus schwimmen gelassen hatte. Wenn sie mir wenigstens „Vorsicht“ zugerufen hätte. Das einzige aber, das ich schließlich begriff, war, daß ich schlichtweg keine Zeit mehr hatte, mich darauf einzulassen. Nun, das ist alles; und dann hat sie die Tür geöffnet und hat sich in mein Kinderbett geschlichen, in dem meine Mutter mich gewiegt hatte.

Als spräche er mit seiner Frau, als wäre sie da. Er wendet sich an sie, die nicht da ist.

Weißt du?! Dann erschien vor meinem Blick eine hohe Brücke, ein formvollendeter Bogen, sehr hoch, ganz aus Glas, aus weißem Kristall, der in der Mitte, am höchsten Punkt, immer schmaler wurde.

Wiederum so, als wäre seine Frau da

Du weißt, daß mir vor der Höhe immer gegraut hat. Vor der Höhe und vor Schlangen. Nicht wahr? Also beschloß ich, keine Rettung anzunehmen, auch nicht als allerletzte Möglichkeit, und mich in Hoffnungslosigkeit zu verbarrikadieren.

Ich habe nie die Rettung durch andere akzeptiert, Mitleid auch nicht. Auch nicht als letzte Rettung. Das kam mir vor wie Versklavung. Hab ich nicht akzeptiert… auch von dir nicht…

„Du liegst falsch“, sagte ich dir in jener Nacht. Jener ersten Nacht, als du zurückkamst. Jener letzten Nacht. „Wandere nur weiter, ich kann hier liegen, ohne gewiegt zu werden, ich bin jetzt erwachsen, so sehr erwachsen, daß ich auch schon gestorben bin. Außerdem: In dieser Welt, das heißt in meiner Welt jetzt, existieren alle auf ihre eigene Rechnung. Das ist der einzige Ort, an dem man auf eigene Rechnung leben kann.“

„Aber“, sagtest du, „aber ich hab nicht gewollt, daß du so weit gehst, doch der Blick wurde mir übel verstellt von einer Stimme, die von weit her kam, aus meiner Vergangenheit, von der ich dachte, ich hätte sie vergessen.“

Und dann hast du dich nicht mehr allein gefühlt. So, wie du dich am Anfang gefühlt hast, als wir einander kennenlernten. Du erinnerst dich doch… du warst schüchtern, damals…

„Das ist vorbei. Es hat auch sein Gutes gehabt. Na ja… mein Rücken, der ständig wehtut, stört mich nicht mehr, der ist so unwichtig wie nur etwas, ich merke gar nicht, daß ich ihn habe, und auch alles andere, was mich ein Leben lang heimgesucht hat, macht mir nicht mehr zu schaffen. Ich bin gerettet.“

Nur geraucht hab ich damals viel, ich hab allein herumgesessen und hab die ganze Welt gehaßt, hab mich gegen alle schlecht aufgeführt, hab nicht geredet, hab nur gedöst, nur das hab ich gemacht und keinen Deut mehr. Das heißt, irgendwie hab ich mich auf dich eingelassen, auf meine Art halt.

Den ganzen Tag hab ich die Klänge der Einsamkeit gehört, die mir tief in der Brust herumwirbelten. Bloß der Kellner hat mich traurig betrachtet, als er den Kaffee zum Leichenschmaus für die an der Schwelle meiner Stimme stehengebliebene Zeit auftrug… Und dann ist nichts geschehen. Er hat den Kaffee aufgetragen, ich das pflichtschuldige Lächeln. Dir ist das nicht in den Sinn gekommen… Ein Lastwagen voller Erinnerungen rollte mir durch den Kopf und lud zu meinen Füßen einen Haufen finsterer Vermutungen ab. Ich vermochte nicht, darauf zu treten, weil ich barfuß war und Angst hatte, deine Liebesschreie zu überschreien. Und dann ist nichts geschehen. Er hat den nächsten Kaffee aufgetragen und ich das nächste Lächeln. Dir ist das nicht in den Sinn gekommen… Ich wollte mich rühren, dorthin laufen, losrennen, aber ein Haufen Schwermut hat mir den Weg versperrt, den Weg zu mir selbst, den Weg nach dort, wo ich gewesen war. Die Melodien setzten wieder ein. Die Erinnerungen sind Vergangenheit, unwiederbringlich, und der Lastwagen fuhr mir über den Rücken… ließ den Kellner den nächsten Kaffee nicht mehr bringen, den zum Leichenschmaus für die Einsamkeit…

Macht dich das stolz? Wenn nicht, dann mußt du leben. (Sein Kopf sackt nach unten)

(er sieht auf die Uhr) O je… (ironisch) Zeit für die Medikamente. Hochdruck, Verkalkung, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, und für alles – Arzneien. Und warum? Warum?!!! Wer weiß, warum. Soll halt so sein. Weil… weil… sich alle in die Hosen machen, bevor sie sterben. Stürzen sich auf Heilmittel und dann gehen sie ein… wie die Schweine… Es gibt sogar solche, die, bevor sie abtreten, stottern und Botschaften hinterlassen (lacht lauthals). Botschaften an die anderen. Das ist so, als würdest du zu Lebzeiten Sentenzen schreiben, weise Sprüche, und sie den anderen wie Karamelbonbons hinwerfen. Denkt doch mal! Sterben wie auf einer Hochzeit… Eine Totenfeier, bei der du, anstatt den Hochzeitsgästen Karamelbonbons hinzuwerfen, denen, die gekommen sind, dich zu begraben, weise Sprüche vorbrockst… Hej! Spitze!

Lange Pause. Tödliches Schweigen…

Ich erinnere mich. Ich erinnere mich, wie wir stundenlang vor dem Fernseher hockten und ihre Lieblingssendungen anschauten… Dokumentarfilme, die mit wilden Tieren in den Wäldern in Afrika oder am Amazonas. Sie hat sich dabei vergnügt, damals, obwohl sie nicht alles verstanden hat. Ich habe auch nicht alles verstanden. Aber ich bin dabeigeblieben. Wir haben es uns zusammen angeschaut.

Wieder zu seiner Frau, als wäre sie da.

Erinnerst du dich…? Erinnerst du dich…? Der einsame Büffel. Der hat sich von der Herde gelöst, der davonstürmenden Herde, und steht da, bis ihn die Löwen zerfetzen? Wir wußten nicht… wir begriffen damals nicht… wir verstanden nicht, warum er nicht mit den anderen weglief, um seine Haut zu retten, sich zu retten. Haben es nicht verstanden…. aber jetzt, ja… jetzt schon… jetzt hat es bei mir geklickt. Ich spüre es. Er war alt… müde… fix und fertig… Er hatte sein Leben damit zugebracht, wegzurennen, um sich vor den Löwen zu retten. Und zu guter Letzt hat er sich entschieden, zu sterben… zu sterben, ohne zu rennen, so im… im Stehen… ruhig und schweigend.

Na also, das wär’s!

Die Lichter gehen aus. Im Dunkeln ist der Klavierspieler aufgetreten, wieder wie im ersten Akt mit der Maske vor dem Gesicht, und setzt mit dem Nachspiel des Konzertes ein.

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

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