Sokol Zekaj auf Deutsch

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Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj
Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

SOKOL ZEKAJ *

Sokol Zekaj

INDISKRET

I

Ich funkele vor Freude ihr glitzernden Zweige!
Ich lehnte den Kopf unten an den Stamm.
Blumen gehen auf, eine Himmelsschönheit
Ein Vogel singt und neigt sie zu mir!

II

Aus ist das Spiel mit leeren Muscheln!
Heute platzen Kristalle aus Perlen!

KLIMA DER ANWESENHEIT

Nachtkristalle an zwei Weiden hängend!
Ich suche eine Art Feuer, einen Wunsch
Erloschene Seele, wieviele Steine bewarfen dich!
Mein Atem hebt die alte graue Asche.
Mild ist das Jahr wie süße Granatäpfel
Granatäpfelkernen gleich die Sterne am Himmel.
Rebstöcke umarmen einander, sie tanzen Reigen
Wie Gruppen von Mädchen voller Erregung
Über das Bild der Stadt das ferne flimmert.
Welche Fee reichte mir mit zaubrischer Hand
Die Birne mit dem heimlichen Duft der Truhe?
Ein Windhauch der mit feinen Armen
Ferner Feuer kommt und Funken sprüht.
In diesem Jahr, mild wie Granatäpfel
Wartete ich sie käme mit dem Mond –
Sie hatte in meinem Schatten geschlafen!

Sokol Zekaj

DREIZEHN VARIATIONEN
ÜBER EINE SENSIBILITÄT

1
Verborgen im alten Strauch
Mit frischem Grün
An einem Punkt der nicht auf den Karten der Jäger steht
Schläft der Hase den Schlaf des Hasen.

2
Der Sonnenstrahl ist eine goldne Rute
Die ihn am Ohr krault
Mit süßen Tönen.

Doch der Hase weiß
Auf der andern Anhöhe gibt es einen Donnerblitz!

3
Blau ist der Tag.

Feldarbeiten dampfen.

Der Hase wickelt sich ins Gewebe der Ruhe
Durchwoben vom Rauschen des Grases und der Bäume
Und vom Geröchel der Seele.

4
Mensch!
Schau den Hasen nicht in seinem Nest an!
Er ist empfindlich
Wie das Licht des Auges
Wie der Kern des Herzens,

Er ist ganz Auge und Herz!

5
Der Hase,
Ein Bild der Eleganz,
Lakonischer Ausdruck der Geringschätzung,
Die unbeugsame Seele der Morgenstunden,
Ein Athlet des Mutes,
Nimmt die Herausforderung
Von zwanzig Jagdhunden an
Die ihn verfolgen wie ein toller Teufelssturm.

6
Im Nu eines Wimpernschlags
Wickelt sich der Hase auf
Wie ein Knäuel, unerreichbar
In den Augen der Vorstellung.

7
Es war acht Uhr morgens
Der Hase begann den Totentanz
Im tragischsten
Im unterhaltsamsten
Und durchgehecheltsten Schauspiel
Im flachen Gelände am Bach.

8
Die Frauen ernteten Weizen
Und besangen die Liebe.

Täubchen, komm, komm!
Kommt, Fleisch oder Seele!

Ihr heiteren Frauen
Verratet den Hasen nicht
Wenn die Jäger es sagen
Wenn sie euch fragen: Saht ihr einen Hasen
Zwischen zwei Ohren versteckt?!

9
Wald, du kleiner Wald,
Mutter der Seufzer
An der Kreuzung der Winde
Gib mir ein Blatt
Den zitternden Hasen zuzudecken

Falls ich mir nicht die Hand abreiße!

10
Mir klopft das Herz
Wie dem Hasen nach einer feinen List
Wenn sich das Gebell hinterm Wald verliert

11
Auf Steinen ist der Hase nicht froh.

Er ist das Gegenteil eines herzlosen Gegenstands!

12
Wer weidet in den Gärten der Nacht
Und tanzt im Mondstrahl
Wie die Weihnachtspuppe
In den Fingern des wundertätigen Meisters?

13
Es behagt dem Hasen im heraufflimmernden Morgen.

Das Behagen ist immer ein zersprungenes Glas.

HALBLAUTE LIEDER

I Morgendämmerung

Die Nacht geflügelt in der Luft
Rollt sich langsam ein
Wir bemerkten, winzig klein,
Spuren des Lichtes im Gras.

II Vorabend

Die goldne Kuppel des Minaretts gebräunt
Von letzten Sonnenstrahlen im Westen
Schnell erloschen wie die Kerze im Wind, hoch
Am Himmelsgewölbe einen Stern verbrennend.

III Weiße Nacht

Wie ein Taucher tauchte ich in die weiße Nacht
Durchwanderte die heimlichen Zauber des Ozeans
Der Atem stockte mir bei antiken Amphoren
Die Morgendämmerung schloß mein Standbild in die Arme!

TROST

An den Rand des geheimnisvollen Brunnens
Mit dem Flüstern von Feen
Und dem Hallen von Herzen
Wo ich Schätze von Poemen ausschachte
Stürzen Sonne und Mond
Und viele goldene Sterne
Und wunderschöne Mädchen
Ganz in Gold.

HALBLAUTE LIEDER

IV Herbstblumen

Frische Herbstblumen
Plötzlich aufgewuchert
Doch, wehe! ab und zu
Tragisch ermattet,
Mit einem Flaum wie Goldstaub
Blumen, von Bienen erträumt,
Verehrt von Schmetterlingen
Zerbrechliche späte Krone von
Unwiederbringlich kurzen Tagen,
Beugt das Haupt nicht, ich bitte euch,
Unter diesem seidigen Himmel
So wie ihr blüht, die Wurzeln
In ich weiß nicht wessen Grab!

V Er kam wieder

Er kam wieder wie ein Hoffen, wie eine Freude
Wie ein Sommerregen im Jasmingarten,
Er kam wieder, der klare Bach der Kindheit!
Hell werde, was dunkle Jahreszeiten brachten,
Zu dir soll ich den Kahn meines Herzens steuern
Wo alles lichtrein gespiegelt wird,
Sei das Auge voll Freude oder voll Tränen!
Und kommt der Augenblick des Schiffbruchs,
Soll mich dein goldener Strom bedecken!

VI Melancholie

Ich hüllte mich in süße Frische, in die zauberische
Ruhige, klare, dampfende und die traurige Frische des Alls
Die in meine Seele strömte wie die Stirn des Mondes, wie Tau, wie
Die schöne Mondstirn, die halbe Obstbäume beleuchtet im Westen
Alles was jetzt in meinem Schatten liegt, schien nicht mehr mein zu sein!

VII Schlaf, meine Kleine

Schlaf meine Kleine! Öffne das Traumfenster
dem sommerlichen Morgendämmern!
Selbst die Vögel schlafen. Auch ist dies nicht
der Hodscha der da singt.
Es dreht sich das Tonband
der Moschee!

MITTEN IN MEINEN BLUMEN

A Palma de Mallorca
Tout le monde est heureux

Jean Cocteau

An welchem Ufer der Güte trafst du mich heute
Palma de Mallorca
Ich aber weiß nicht, warum ich mir
Verse von Jean Cocteau hersagte.

In den Gärten des Paradieses war alles
für mich ein verbotner Apfel
Trauer hielt ich in den Händen
wie eine bitter schmeckende Frucht!

Engel ließen mir keine Ruhe
Flügelschlagend über blauen Bäumen
An die ich mich lehnte wie ein Absurdum
gewaltgebeugt von Frieden.

Frischer, zarter Wohgeruch
versetzte mich in Träume.
Frühlingsanbruch! Geschlummert hatte ich
Inmitten von Blumen meines Landes.

KIRSCHBAUM MIT NEUNZEHN BEDEUTUNGEN

1.
Geträumter Inhalt von Dingen
Paßt gut in eine vollendete Form
Im Augenblick durstiger Augen.
Freudenjubel ist keine waagerechte Bewegung
Derzeit spricht man viel über Rimbaud.

2.
Verstand, vergiß nicht die Kirschen!
Denk an die, die voller Frische und Glanz waren
In den Gärten deiner Vorstellung
In denen du dich ab und zu ausruhtest
Wie die Feuer in der Dämmerung.

3.
Sag nicht, der Kirschbaum, sei er auch erblüht,
Sei seelenlos!
Sag keine Sachen die dir niemand glaubt
Zumindest all die Wesen die Lippen wie
Kirschen haben!

4.
Zwei Kirschen im Gesicht des Tages
Sind keine Kirschen, o Gott,
Ein Wunder sind sie das einem anderen gleicht.

5.
Der Kern ist älter als der Saft.
Der Saft ist die Vollendung der Natur.

Was willst du, den Kern oder den Saft?
Wozu will ich das Heute, wenn ich die Dauer verliere!

6.
Der Vogel auf dem Zweig
Der Jäger unterm Kirschbaum.
Die Kirsche kullert vom Zweig
Wie ein Vogelherz.

7.
In den Farben der Kirschen malt
Die Sonne eine Wiese.

Eine Wolke zerbricht ihr wie ein trotziges Kind
Die Pinsel.

Die Welt ist ohne die Farben der Kirschen
Schwarz und weiß.

8.
Sollte sich eine Träne irgendwo verlieren,
Wird sie dorthin fallen unter den Kirschbaum?

Wirst du dich bücken und sie suchen
Wie den Edelstein aus dem Ring,
Wie den Kern des geplatzten Wunsches?

Wirst du eine Kirsche ins Herz einpflanzen?

9.
Die Sonne versank in der Ferne.

Der Wind musizierte im Laub.

Der Kirschbaum wurde zum Spiegel
Für den halben Himmel
Hinten vom Braun der Nacht überzogen.

10.
Der Mond am Himmel.
Der Mond spiegelt sich in grünem Wasser
Wie goldnes Kirschenlaub.

Zwischen zwei Ausdrucksweisen die Kirsche
Schwarz
Wie ein Ausrufungszeichen.

11.
Die Frau im Bett tat einen Schrei
Getrieben von wohligem Schmerz.

Der Kirschbaum im Garten ließ Früchte reifen
In einem kapriziösen Frühling.

12.
Ich sah den Musiker
Die Rinde abschälen

Ich sah den Musiker
Den Baum streicheln

Ich sah den Tischler
Die Säge wegwerfen.

13.
Der Kirschbaum
Läßt die Früchte reifen und sagt:

Der Dichter soll kommen!
Ich mache ihn unsichtbar.

Es ist eine Zeit unruhiger Geister
Rubinrot werden die Kirschen
An einem geschmeidigen Stamm.

Der Dichter macht sich auf den Weg
Und kommt immer an
Wenn die Blätter fallen.

14.
Zornig war ich
Wie ein Baum dem Kirschendiebe
Die Zweige geknickt haben.

15.
Unterm Kirschbaum die Wiese
Für den Reigentanz
Des Sommerschattens.

Weich ist das Gras
Unbeachtlich
Für die Räder des Unbewußten.

16.
Wind. Mondlicht. Wolken.
Ich stehe

Und während ich
Die Strahlen des Mondes
Den Kirschbaum bescheinen sehe

Schwanke ich hin und her
Wie Segel überm Wasser.

Ihr tiefen, geheimen Töne,
Wer ist die Glocke?

17.
Kirschblüten sind reine Passionen
Wie Eis im Feuer, Gegenwart in Abwesenheit
So elegant, so eindringlich
Unwiderstehlich sind sie
Wie Sonne wie Regen wie Schnee.

18.
Er malte fünf Kirschen.

Es dämmerte.

Er fühlte sich matt
Wie ein Kirschbaum im Kirschenmonat.

19.
Ein unvorstellbarer Tag war angebrochen
Bewegung von Strömen in den Tiefen.

Du erwachtest.
Dein Bett wie ein Kahn im See des Tages
Zwei Kirschen zwischen deinen Lippen.

SEELENWOHNUNG

Ich trat in deine Seele ein wie in eine unbekannte Wohnung.

Der gleiche Wind blies vom Meer und vom Gebirge
Ein Fenster beschien die Sonne, das andere der Mond.
Wo warst du in dieser Zeit, im Tag in der Nacht?
Ich erschrak vor meinem Schritt der im Schweigen hallte.

Ich setzte mich und schlief
Und ich erwachte.

Ich sah dich auf der Straße kommen, eine Nelke in der Hand.

HOCH OBEN FLOG DIE LERCHE

Hoch oben flog die Lerche am blauen Nachmittag
Und hinterließ eine blaue Spur
Kein Schnee kein Regenbogen wischte sie aus
Und keine bunte Tracht kein Blumenreigen.

Ich ging zum Ufer und nahm eine Handvoll Sand
Fast vergaß ich es, ich weiß die Jahreszeit nicht mehr
Ja doch, leicht war die Luft wie plötzliches Erinnern,
Wie ein Bild das aufreißt, damit du die Dinge rein siehst.

Ich mochte es immer am Wasser zu sitzen
Das Sichtbare zu betrachten, das Unsichtbare
Wie es sich regt in unserem Körper der Zeit
In Gleichförmigkeit die ich als universal erlebe.

DIE TAUBE

die Taube flog in die Bläue des Sees

in eine Schneewolke geriet sie
weiß leuchteten die Berge

der See ergraute im Nebel
die Täler seufzten

mein Herz im Himmel nicht auf der Erde nicht
Schnee schmolz in warmen Rinnsalen

ließ neues Gras wachsen auf der Wiese
lange suchte ich zwischen Grashalmen

eine Taubenfeder

BLAU

I Blauer Nachmittag

Ich bin müde
ermattet
Wie das Kind aus dem Märchen
Mit den zweiunddreißig Stöcken.

Ich ging hinaus. Band mir das Tuch
Um die Stirn
Das auf meine Augen
Blaues Licht wirft.

II Der Regenbogen

Ein Regenbogen stieg aus dem See

Schloß sich über dem Wald.
Zerflog zu Dampf

Senkte sich in mich wie Gram.
Ein Sturm. Er kämmte mir die Haare

Des schönen Kummers.

III Der Schatz

Ich nahm den Goldschatz in die Hand: er funkelte!
Ich warf ihn wie ein funkelndes Spielzeug: er klingelte!
Im sorglosen Spiel jedoch fiel er mir in den Fluß
Blendete mir mit dem letzten Blinken die Augen.

Mein Goldschatz hat mich etwas gelehrt
Doch wozu die Lehre wenn er auf und davon ist!

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

© Übersetzungen Hans-Joachim Lanksch

* Sokol Zekaj, geb. 1948 in Luis, studierte Agronomie, lebt in Koplik bei Shkodra. Schreibt Lyrik, Prosa und Essays.

„… eine Lyrik der Erlebnisse, wobei die arithmetische Summe Berge, Täler, Bäume, Blumen, Seen, Jahreszeiten und Schnee sind. Balladen, die in schimmernden Bildern erzählt werden, die gebündelt einen statischen Raum wie einen großen Glaspalast erstehen lassen.

Gazmend Krasniqi

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