Ledia Dushi auf Deutsch

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Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj

Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

LEDIA DUSHI (1978)

KEIN WALD FÜR DIE BESTIE DER BESCHWICHTUNG…
Ledia Dushi Ledia Dushi wurde 1978 in Shkodër geboren. Sie studierte an der dortigen Universität und hat 1997 und 1999 je einen Lyrikband veröffentlicht. Sie schreibt auch Prosa, Essayistik und Literaturkritik. Im Dezember 1998 wurde ihr vom Kulturministerium der Republik Albanien der hochangesehene „Literaturpreis“ für das beste Erstlingswerk des Jahres 1997 verliehen. Die Verleihung dieses Preises löste eine heftige Debatte aus, da Ledia Dushi in der literatursprachlichen Version des nordalbanischen Idioms schreibt und nicht in der 1972 dekretierten Form der „vereinheitlichten“ offiziellen Standardsprache, die zu ungefähr 80 Prozent aus dem Idiom des albanischen Südens besteht.

Zum vehementesten Gegner der Verleihung dieses nationalen Literaturpreises für ein Werk, das ausserhalb der Normen der offiziellen Standardsprache geschrieben wurde, machte sich Dritëro Agolli, Staatsdichter unter Enver Hoxha. Er würzte Mutmassungen, es handle sich um einen „Kampf gegen die vereinheitlichte Schriftsprache“, mit dem die nationale Einheit der Albaner zerschlagen und Albanien geteilt werden solle, mit Formulierungen wie: „Hier zeigt sich am offensten das reaktionäre und primitive Denken dieses Grüppchens, das einmal in der modernen Extravaganz europäischer Casinos auftritt und das nächste Mal in Bocks- und Hammelfell gekleidet aus den Höhlen der albanischen Berge hervorkommt.“

Ledia Dushis Lyrik weicht erheblich von dem ab, was man in der alljährlichen Flut von Lyrikbänden in Albanien in den letzten Jahren zu lesen bekam. Während der überwiegende Teil der Lyrik jüngerer und junger Autorinnen und Autoren formal und stilistisch im Rahmen braver Konventionen verharrt, ein kleinerer Teil sich mehr oder weniger gewollt um ein „avantgardistisches“ Outfit der Texte bemüht oder um jeden Preis „mutig“ sein will, sind Texte, die – wie die von Ledia Dushi und einer kleinen Zahl anderer Autoren – einen frischen Wind unverkrampft in die albanische Lyrik einbringen, eine Ausnahmeerscheinung. Ledia Dushi schreibt Gedichte fern von oberflächlicher Metaphorik, ausgelutschten rhetorischen Figuren, leierndem Rhythmus und sonstigen abgestandenen „dichterischen Mitteln“, ohne in krampfhafte Originalitätssuche zu verfallen.

Mit subtiler und sensibler Feder schickt sie den Leser auf eine Reise in die inneren Bezirke seines Bewußtseins, in sein Reich der Assoziationen, Visionen und Emotionen. Es gelingt ihr, in einem traditionsreichen literarischen Idiom genuin moderne Lyrik zu schreiben, ohne modisch zu werden oder in traditionellen Mustern stecken zu bleiben. Jeder Leser, der die Bücher des albanischen Jahrhundertdichters Martin Camaj (1925-1992) kennt und liebt, wird sich in Ledia Dushis Lyrik sofort heimisch fühlen. Auch Martin Camaj hat in seinem als „rückständig“ und „rural“ verschrieenen nordalbanischen Idiom moderne Lyrik geschrieben, albanische „hermetische“ Lyrik vom Rang eines Quasimodo oder Ungaretti.

Ledia Dushis Lyrik hat der ungekünstelten, konzis verknappten Lyrik Martin Camajs, seiner lakonisch-tiefen und vielschichtig-substanzreichen dichterischen Welt durchaus einiges zu verdanken, spricht jedoch mit einer eigenen, ursprünglichen Stimme, die im Lauf ihrer individuellen Entwicklung sicher noch unverwechselbarer werden wird. Bereits von ihrem ersten zum zweiten Buch hat sich ein deutlicher Entwicklungsschritt vollzogen. Die hier abgedruckten Texte „Nach… mittags“, „Das Leben wurde eine Sichel“, „Der Berg“ und „Traum“ sind dem ersten, die Gedichte „Herz im Aquarium“, „Mein Alter“, „Stilleben“, „Verändert“ und „Grünes Wasser“ sind dem zweiten Buch entnommen. Der Leser wird an diesen Texten unschwer erkennen, dass die Textur der späteren Gedichte von einer grösseren Ökonomie der Worte und einem ausgeprägteren Hang zur Einfachheit – dem Geheimnis der Meisterschaft – als die früheren Gedichte gekennzeichnet ist.

von Hans-Joachim Lanksch

Ledia Dushi

Nach… Mittags

Nach… mittags
wenn die Späne der Geräusche
einsam zurückbleiben
im Wald
der täglich loht,
schwanke ich über Wiegen
deren Kanten
ich nicht kenne.
Weit fort von den Fundamenten
an denen ein Scheiterhaufen
aufgeschichtet war,
wurde das Feuer
mit Eis durchschüttelt
damit nicht alles verbrenne;
doch stark
innen stark
loderte es auf…
niemand verstand es…
Um Mitternacht
wenn mein Hirn
Wildhirn röstet
streicht jemand mit den Fingern
sanft
über den Mond…
Dann
schwinde ich,
kauere mich
in meine Rippen
und beginne
den Tod der Wunden zu meisseln.

Das Leben wurde eine Sichel

Das rindige Blau des Raums
zittert
auf verschorften Zweigen
in Gedanken
an Blätter des April…
Das Schlittern des Schnees
sternverwandelt
auf kummervoller Lippe
des Baums
mit seinem Tau-Hals.
Das Leben
wurde eine Sichel
in deinem Atem…
Ich habe das Mass der Worte gefunden
das gesagt wird
um das Herz
zu mähen.

Der Berg

… ist der Berg
traumhafte Realität,
erinnert mich
an das Verschwinden des Pferdes,
den Tod des verrückten Mädchens…
In meinem Herzen
wurde ein Vogel ermordet;
ich weinte und lachte,
die Träne segelte als Drachen
bis zu den Sternen…
Sooft ich laubig pfeife
schiesst ein Nussbach
aus meinen Schultern;
das Herz
mit sirenenhaften Empfindungen
schwankt hin und her…
In einer Rose,
novembergeboren,
bebt Tag für Tag
das geschenkte Leben des Vogels.

Traum

Der Traum traf vor mir ein
verknüpfte
die Knochen des Bettes
und lachte
höhnisch
über meine Träne…
Es wurde Nacht
auch überm Wald,
die Tiere begannen
einander zu küssen…
Das Herz wurde ausgeschüttelt
über erkalteten Blättern,
in der Höhle
brüteten Kanarienvögel,
erkrankte Gewächse des Dunkels…
Ich bleibe,
nur ich;
in wächsernen Türmen
Kinder
sie schnitzen Schlaf in Bäume…
Schon lange
ergiesst sich die Wolke
und kleidet mich nicht;
der Traum ist das Leben…

Herz im Aquarium

Ich habe keinen Wald
zum freien Lauf
für die Bestie
der Beschwichtigung …

Das Herz
steckt im Aquarium,
zwischen greisen Blättern
Wasser …

Ein Wind …

Ich spüre
den Flug der Dinge
auf der Flucht.

Mein Alter

Das Alter der Einsamkeit
Jahr um Jahr …

Das Haus
aus
Wurzeln
und Strahlen …

Ich rufe
die einsamkeit
nie
beim Namen …

Ich rieche
den verflogenen Duft
der Abwesenheit.

Stilleben

Der Brunnen im Hof
Blut darin …

Ich und der Regen
sind allein,
verriegelt
im Selbst …
wir gehen …

Blumen
haben keine Feiertage,
der Regenbogen
versteckt
in Schachteln …

Das Stilleben:
Kinder
bauchrissig
und die Gesichter des Monds
auf der Erde.

Verändert

Gerade
kommt die Zeit
um uns zu sehen
in den Schatten des
Freiwerdens
gehüllt …

Bin ein Wesen …
mag Dinge
die ich nicht hab …

Nichts
ist
näher,
ferner
als die Erde …

Ich gab
die Früchte
Würmern,
die Lilien
den Larven …

Vielleicht
hat sich
mein Herz verformt …
(und ich weiss es nicht)

Grünes Wasser

Wenn ich wachse
werde ich
klein sein …

Grünes Wasser:
das zarteste Gras
auf der Welt,
eine Wiese
gehender
Fische …

Am Himmel
gehört mir
nichts,
nichts auf der Erde;
im Kopf fühle ich
das Geräusch von Lämmern
auf Stein,
Farben
geklebt
in Augenfrüchte.

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

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