Ridvan Dibra auf Deutsch (I)

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[ Ridvan Dibra auf Deutsch ]

RIDVAN DIBRA (1959)

Ridvan Dibra

BRIEFE AUS DER PROVINZ
Der erste Brief traf am letzten Samstag des Juni ein. Seine Hoheit befanden sich seit einigen Tagen auf Urlaub in einer der schönsten Villen des Reiches, im Norden des Landes, und dasjenige, dem er die geringste Aufmerksamkeit schenkte, war eben die Korrespondenz; er las lediglich die Schlagzeilen der wichtigsten Zeitungen, eine Illustrierte, die zweimal wöchentlich erschien und die zur Hälfte voller Pornophotos war. Mit Briefumschlägen war er entschlossen, sich zunächst nicht abzugeben. Sogar, sie nicht einmal zu öffnen.

Natürlich konnte die eine oder andere Ausnahme gemacht werden. Zum Beispiel mit den Briefen seiner zahlreichen Geliebten. Oder der getreuen Ratgeber, die weit fort in der Hauptstadt des Reiches geblieben waren. In den ersten fünf Tagen des Urlaubs war allerdings kein einziger Briefumschlag gekommen, was mit der simplen Tatsache in Zusammenhang gebracht wurde, daß die zahlreichen Geliebten und getreuen Ratgeber wußten, daß Seine Hoheit im Urlaub, vornehmlich in dessen Tagen, von Korrespondenz gestört wurden.

Der erste Briefumschlag traf am letzten Samstag des Juni ein, d.h. am sechsten Urlaubstag. Der Umschlag wäre von Seiner Hoheit nicht einmal beachtet worden, wäre er nicht ganz plötzlich aus dem großen Stapel Tageszeitungen herausgerutscht und auf den mit großen roten Rosen geschmückten Boden gefallen. Der Umschlag verschwand irgendwo zwischen dicken Decken und der König kniete nieder, nicht ohne Wißbegierde. Doch erlosch seine Neugier, als er den Umschlag in die Hand nahm und sah, daß es ein ganz gewöhnlicher war: einer von denen, die an den Straßenrändern seines Reiches verkauft wurden, zusammen mit Tageszeitungen, Pornozeitschriften und Schulheften. Als er dann feststellte, daß der Absender ein ihm völlig unbekannter Irgendwer war und ihm aus einem entlegenen Winkel des Reiches schrieb, wie Egoboka es war, warf er den Umschlag ungeöffnet weg.

Am nächsten Tag trafen zusammen mit den Tageszeitungen und der Illustrierten, die zweimal wöchentlich erschien und zur Hälfte voller Pornophotos war, auch die ersten Briefe der getreuen Ratgeber und der zahlreichen Geliebten ein. Die Briefumschläge waren groß, mit Blumen verziert und parfümiert. Seine Hoheit lasen lediglich die Anfangszeilen der Briefe und verstanden alles: Die Geliebten verzehrten sich vor Sehnsucht, die Ratgeber hingegen vor Ergebenheit. Den Umschlag jedoch, der aus Egoboka kam, warf der König angwidert fort. Er war klein, von Fettflecken verschmiert und hatte einen starken Schweißgeruch an sich. So ging es auch in den anderen Urlaubstagen. Seine Hoheit lasen lediglich die Schlagzeilen der wichtigsten Zeitungen, die Illustrierte und die Anfangszeilen der zahlreichen Briefe. Die Umschläge, die er regelmäßig aus Egoboka erhielt, warf er hingegen angewidert fort.

Am letzten Urlaubstag erfuhren Seine Hoheit aus den Schlagzeilen der Zeitungen, daß die Bürger seines Reiches sich gegen ihn erhoben und den Königspalast in Brand gesteckt hatten. An der Spitze der Rebellion standen einige seiner getreuen Ratgeber und zahlreichen Geliebten. Da beschloß der König, sich irgendwie zu rächen, d.h. alle Briefe und Zeitungen zu verbrennen. Die Briefe verbrannten geräuschvoll und die Flammen waren blaß. Als sich die Asche zu einem Turm aufhäufte, fielen dem König die Briefe ein, auf denen hinten „Egoboka“ stand. Er suchte sie alle zusammen, hielt das angezündete Streichholz daran, besann sich im allerletzten Augenblick jedoch eines anderen: Er warf das brennende Zündholz fort, zog aus dem Stapel den Umschlag heraus, der zuletzt gekommen war, und öffnete ihn mit leicht zitternden Händen.

Die Tinte war an vielen Stellen verwischt und der Brief war nur mit Mühe zu lesen, sein Inhalt war jedoch nicht verlorengegangen: darin wurde die Rebellion bis in die kleinsten Details vorhergesehen. Der König erschauerte und verwünschte sich selbst. Dann dachte er an die anderen Briefumschläge aus Egoboka: Sicherlich stand in einem von ihnen auch, wie man die Rebellion unterdrücken konnte. Er öffnete einen, die Tinte war jedoch so sehr verschmiert, daß nichts mehr zu verstehen war. Ebenso beim nächsten Brief. Und wieder mit dem nächsten. Bis keiner mehr da war.

Da empfanden Seine Hoheit eine plötzliche Beklemmung irgendwo in der Brust und stürzten auf die großen roten Rosen.
Am nächsten Tag sollte die Rebellion auch die Nachbarreiche erfassen.

Juni 1977


STANDBILDER AUS EIS

Im Norden von Egoboka, ganz im Norden, wo es nie vorkommt, daß der Tag länger als die Nacht ist, finden Jahr für Jahr Ausstellungen von Standbildern aus Eis statt. Die Bildhauer der Eisstandbilder werden ständig mehr und sie arbeiten voller Ernst das ganze Jahr lang auf die Ausstellung hin, obwohl sie durchaus wissen, daß ihre Arbeiten sich nur einen Tag ihres Leben erfreuen können. Das Erstaunlichste ist, daß sich die Bildhauer der Eisarbeiten nicht privilegiert fühlen gegenüber ihren Kollegen, die mit festen und nur mühsam zu meißelnden Materialien wie, zum Beispiel, Gips und Marmor arbeiten; im Gegenteil, sie verwünschen in einem fort die große Brüchigkeit der zerbröckelnden gefrorenen Materie.

Überzeugt von der Kurzlebigkeit ihres Werkes verwenden sie ganz außergewöhnliche Sorgfalt auf die Form, das Herausarbeiten eines jeden Details, so unerheblich es für das gewöhnliche Auge auch sein mag. Und in den meisten Fällen wird ihre Absicht von Erfolg gekrönt, nicht zuletzt dank des blinden Gehorsams, den das Eis ihrem Meißel erweist. Am erstaunlichsten ist, daß die Eisbildhauer nicht im geringsten an ihre Kollegen denken, die einstmals, vor langer, langer Zeit, ebenso erfolgreich waren, obwohl sie mit mühsam zu meißelnden Materialien wie, zum Beispiel Gips oder Marmor, arbeiteten.

Jetzt ist die Ausstellung fertig: die phantastischsten Tiere, Götter und Drachen, Affen, Menschen; alle perfekt, alle aus Eis. Die Sonne verleiht ihnen einen wunderbaren Goldglanz und läßt sie wie lebendig erscheinen. Allerdings müßt ihr euch in eurer Betrachtung sputen.
Morgen ist es zu spät.


GERISSENE KETTE

Der Tag war klar und alle sagten, daß es eine Mondnacht geben werde.
Der Mond hatte einen platinfarbenen Ring um sich und manch einer sagte, daß es am nächsten Tag regnen werde.

Am nächsten Tag regnete es und die Fischer sagten, daß sie einen glücklichen Fang machen werden.
Die Fischer fuhren auf die offene See hinaus und niemand war sich ihrer Rückkehr sicher.


UNSERE ERDE

„Schaut unsere Erde an!“, sagte begeistert der Astronaut, der als erster den Mond betrat. „Von hier aus sieht sie wie ein schöner, gesunder großer Apfel aus.“

„Und der Wurm? Sieht man von hier aus den Wurm?“, fragte sein Kamerad, der gerade angekommen war.


SONDERBARES BUCH

Mein Freund hat ein sonderbares Buch veröffentlicht, ein wirklich sonderbares, vielleicht das sonderbarste auf der Welt. Das Hellgrün der Buchdeckel sieht aus wie Speichel, die Seiten sind alle schwarz, ohne auch nur einen Buchstaben, der da stünde. Anstelle von Buchstaben sind auf jeder Buchseite mit einem Spezialkleber verschiedene Insekten eingeklebt, die einst wegen ihres Gifts bekannt waren.

Die erste Seite eröffnet ein großer schwarzer Skorpion, auf der zweiten geht es mit einer sehr zartgliedrigen, verstohlenen Mücke weiter, auf der dritten mit einer braunen, heimtückischen Spinne und so fort bis zur hundertsten Seite, die zugleich die letzte Seite des Buches ist.
Das Buch meines Freundes trägt den Titel: „Handbuch für alle, die noch nicht geboren sind.“ Er hat es in einer Auflage von einer Milliarde Exemplaren drucken lassen und verteilt es umsonst.


DAS HOCHHAUS

Das Hochhaus ist 35-stöckig. Nicht fertig gebaut. Laut Projektleiter wird es 45 Stockwerke haben. Keines weniger, keines mehr. Stefan hat beschlossen, im 35. Stock mit Ana Liebe zu machen. Die Ana ist schon längst dort oben, sie ist an den Gerüsten hinaufgeklettert, sitzt da und wartet. Beim Weg hinauf hatte sie kein ernsthaftes Problem, ausgenommen einen leichten Schwindel im 25. Stock, der sie zwang, dort ein ganz klein wenig auszuruhen.

Der Stefan leidet schrecklich unter dem Aufstieg. Am Anfang hatte er nicht den Mut, Ana zu folgen und wie sie zu klettern, sondern wählte die Treppe. Die schien ihm sicherer zu sein. Bequemer. Aber schon auf den ersten Stufen wurde ihm klar, daß er sich schwer geirrt hatte und mit großer Verspätung hinaufkommen würde. Wie dem auch sei, er war entschlossen, auf das 35. Stockwerk hinaufzusteigen, wo Ana auf ihn wartete. Und Ana würde auf ihn warten. Davon war er überzeugt. Wichtig war, daß kein anderer vor ihm hinaufstiege. Zumindest nicht in dem Treppenhaus, das er in der Kontrolle hatte. Sollte es jemand wagen, war er bereit, sich mit ihm zu raufen. Ana verdiente es. Allerdings konnte auch jemand über die Gerüste klettern und so hinaufkommen, was Stefan zwar nicht wollte, aber selbst wenn es dazu käme, würde er sich doch nicht allzusehr aufregen: Die Treppe war wichtig, da sollte niemand hinaufsteigen.

Stefan litt schrecklich unter dem Aufstieg. Bereits im ersten Stockwerk verstellte ihm eine tausendjährige Alte den Weg und hielt ihn dort ein Jahr lang auf.

Im dritten Stock überredete ihn eine Frau, die seltsamerweise seiner Mutter ähnelte, Halt zu machen. Sie sagte ihm, es sei ein Blödsinn und eine Schwäche seinerseits, sich so darauf zu versteifen, bis zum 35. Stock hinaufzusteigen, bloß um eine Frau zu treffen, selbst wenn es Ana ist. Er, seinerseits, widersprach ihr und sagte, er sei ein glücklicher Mensch, da er einen Grund (so banal er der Frau, die seltsamerweise seiner Mutter ähnelte, auch vorkommen mochte) habe, auf den 35. Stock hinaufzusteigen, weil, seiner Meinung nach, die meisten Menschen nicht wissen, warum und wohin sie aufsteigen. Dieses Argument erschien der Frau, die seltsamerweise seiner Mutter ähnelte, keineswegs einleuchtend, und sie wollte Stefan dort gewaltsam zurückhalten. Unter diesen Umständen tat er, was er nie gedacht hatte, je tun zu können: Er schlug die Frau, die seltsamerweise seiner Mutter ähnelte, und setzte den Aufstieg fort.

Im fünften Stock lag ihm ein Mädchen, jung und nackt, im Weg. Es war Stefan völlig unmöglich, über ihren Körper hinwegzugehen, deswegen verlor er dort viel Zeit.
Später, bis zum zehnten Stockwerk, wurde der Aufstieg normaler, und Stefan stieß auf kein erwähnenswertes Hindernis.

Im zehnten Stock begann die Hölle. Große Spinnen hatten die Ecken der Etagen erobert, von wo aus sie dicke und dichte Netze des Zweifels spannen (er verlor dann viel von seiner Aufstiegszeit, um sie zu zerreißen); schwarze Skorpione krochen aus den unverputzten Wänden, ließen sich wie reife Maulbeeren auf seine Brust fallen und stachen ihn gierig. Er spürte, wie ihr selbstsüchtiges und todbringendes Gift seine Brust durchzuckte (wieder verlor er viel von seiner Aufstiegszeit, um zu genesen und wieder zu Kräften zu kommen); wirre Fledermäuse verirrten sich absichtlich und verhedderten sich in seinen Haaren (er brauchte viel Zeit, sie wieder herauszuziehen, und es geschah oft, daß er zusammen mit den Fledermäusen auch Haarbüschel ausriß); Schlangen, gesichtslos wie Erinnerungen an eine schlechte Zeit, züngelten aus dem Gestein hervor und umschlangen seine Schultern (es war ausnehmend schwierig und er vertat viel Zeit damit, sie von dort wegzuziehen, weil sie nicht zu fassen waren und ihm aus der Hand glitten).

Stefan leidet schrecklich unter dem Aufstieg. Er sieht erschöpft aus.
Ana erwartet ihn im 35. Stockwerk. Sie sieht entschlossen aus.

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

© Ridvan Dibra
© Übersetzungen Hans-Joachim Lanksch


Ridvan Dibra, geb. 1959 in Shkodër, Studium der albanischen Sprache und Literatur an der dortigen „Luigj-Gurakuqi-Universität“. Fünf Jahre Lehrer in Kukës, sechs Jahre Journalist in Shkodër, jetzt Universitäts-Dozent für albanische Literatur in Shkodër. Er hat zwei Bände mit Erzählungen, je einen Band Parabeln und Novellen und fünf Romane veröffentlicht. Ein Roman und ein Band mit „mythologischen Parabeln“ befinden sich derzeit im Druck. Auszüge aus seinem Werk wurden bisher ins Italienische, Serbokroatische und Makedonische übersetzt.

Der shkodranische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Stefan Çapaliku schreibt: „Ridvan Dibra tritt den Beweis an, dass man Literatur nicht nur dann schreiben kann, wenn man mit dem Schädel gegen dicke Wände gewaltiger nationaler oder sozialpolitischer Themen und Konflikte rennt. Für ihn ist Literatur ein Text, der anregt und kommuniziert, der die Denotation des Wortes hintanstellt und seiner Konnotation Denkmäler errichtet.“

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