Rozafa – der eingemauerte Frau (video)

— von Arben Çokaj

Rozafa ist der Ursprung einer alten, sagenumwobenen Stadt. Alles beginnt mit einer Legende, alles geht weiter wie in einer Legende. Rozafa war da, schon vor Christi Geburt, sie ist auch heute noch da. Wer die Legende von der Festung Rozafa kennt, weiß um den lebenden Mutterleib, den ihre Mauern bergen.

– Essay –

Die Frau ‚Rozafa‘ bat einst darum, eine ihrer Brüste nicht miteinzumauern, damit sie ihren kleinen Sohn nähren könne. Mit ihrem Körper gab Rozafa einem Kind das Leben, mit ihrer Selbstentsagung gab sie einer Stadt das Leben. Über ihr wurde eine Burg erbaut; in der Legende verschaffte die Einmauerung dieser Frau den drei Brüdern Wohlwollen. Wie stets wird jemand geopfert, damit ewas Größeres leben kann. Und Shkodra lebte in all den Jahrhunderten durch dieses legendäre Opfer.

Gjekë Marinaj

ROZAFA’s CONFESSION

Under the illusion
that a woman’s value is less than a man‘,
They immured me.

Under the idea
that it was feeded by my blood,
Castle found strength to remain standing.

Under the embarrassment
that it can be called as a witness,
River Drin continues its way.

Under the emblem
of human self-sacrifice,
They turned me in legend.

Under the pretext
that all of them were right,
I immured in myself the word “murder”.

Die Geschichte der Menschen hat in ihrer unterbewußten Turbulenz ihre paradoxe Unvernunft unter Beweis gestellt: etwas Heiliges wird weggegeben, um etwas Heiliges zu gewinnen! Das Leben ist heilig. Kommende Generationen können sich ihres Lebens freuen, weil ein anderes erlosch. Rozafa, diese schlichte Frau, hätte wie alle anderen sterben können – unscheinbar und vergessen, doch sie starb, ohne es selbst zu wissen, um als Legende weiterzuleben.

Dieses Paradoxen menschlicher Vernunft führt uns zu einem Anfang: Der orakelhafte Alte sagt den Brüdern, sie müßten eine ihrer Frauen opfern, damit die Mauer stehen bleibt. Will diese philosophische Lehre des Orakels, diese einzigartige symbolische Handung, denn nicht sagen, daß du, wenn du etwas Heiliges verlierst, das zu schätzen beginnst, was du auf diesem Verlust aufbauen konntest? Eben dies vollzieht sich ganz natürlich zu Rozafas Zeit, der Frau, die eingemauert wurde, um Leben zu spenden. Sie wurde eingemauert, weil das Orakel es so sagte; sie wurde zur Märtyrerin überlieferter Bräuche, und das macht die philosophische Stärke der Legende aus: das Opfer als unbedingte Notwendigkeit.

Sind etwa alle Menschen opferbereit? Nein, in Wirklichkeit aber doch! Jeder von uns verliert etwas, einer mehr, der andere weniger, ungewollt und unbewußt. Das geschieht ebenso natürlich, wie es mit Rozafa geschehen war. Unsere Verluste sind allerdings klein und individuell, Rozafas Verlust hingegen ereilte sie zum Wohl umfassender Interessen: für den Bau einer Schutzmauer für die Stadt Shkodra.

Stefan Çapaliku auf Deutsch

Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj

Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

Stefan Çapaliku (1965)

Stefan Çapaliku

Stefan Çapaliku, geb. 1965 in Shkodra, Studium der albanischen Sprache und Literatur an der Universität Tirana, Promotion. Tätigkeit als Lehrer, Dozent an der Universität Shkodra, Ministerialdirektor im Kulturministerium, Verleger, Dozent an der Theaterakademie in Tirana. Mitglied mehrerer nationaler und internationaler kultureller und kulturologischer Institutionen.

Çapaliku veröffentlicht Lyrik, Prosa, Theaterstücke und literaturwissenschaftliche Arbeiten, bisher 12 Bücher. Preisträger zweier Literaturpreise.

Der hier abgedruckte Monolog ist bei der internationalen Theaterbiennale 2005 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden aufgeführt worden. Es ist der dritte Akt eines Kammerspiels „Tri këngë dashurie“ („Drei Liebeslieder“), das man als Szenen einer Liebe bezeichen könnte: Verliebtsein und Träume im ersten, Desillusionierung und Krise im zweiten, Katharsis im dritten Akt. Der lyrisch intonierte, poetisch expressive Text verzichtet auf die genreübliche Darstellung von Partner-Gezänk. Da er ohne die Einbeziehung und Darstellung nationaler Themen und Motive auskommt, ist er in besonderem Maß „europafähig“ und für Leser und Zuschauer außerhalb des albanischen Sprachraums interessant.

DRITTER AKT
ODER
DER LETZTE SAMSTAG

Auf der Bühne steht ein geschlossenes Klavier. Der Klavierspieler ist nicht da. Er tritt erst am Ende der Vorstellung auf, nachdem die Lichter ausgegangen sind und er das Nachspiel anstimmt. Neben dem Klavier steht ein Stuhl.

Der dritte Schauspieler, Adrian, 60 Jahre alt, tritt auf, wie von Sinnen. Er ist allein und scheint gerade ein Verbrechen begangen zu haben.

ADRIAN: (zu sich selber, mit tragischer Ironie) Ich hab sie umgebracht. Umgebracht. (Pause) Mit diesen Händen. Mit diesen besudelten Händen. Besudelt von Gleichgültigkeit. Wortlos. Schweigend. Ich hab sie mit Trauer bestraft und umgebracht. Sie ist tot. Sie ist weg. Gestorben. Hat gelitten. Gelitten für diese Nacht. Für ihre falsche Freiheit. Die Freiheit, die sie in dieser vergatterten Welt gieriger Mäuler genießen wollte.

Gelitten hat sie. Die einzige Nacht ihres Lebens, die Nacht des Verrats. Des Verrats an wem? Und wofür?!

Lange Pause

Ach! Ich hab sie umgebracht… ich Idiot…! Ich Rindvieh! Ach… wegen Verrat. Der Verrat, des Verrats, dem Verrat, den Verrat. Was für ein Wort „V e r – r r – r a t! Ein blödes Wort, schrecklich, voller Konsonanten. Mit einem Labio-Dental und mit Alveolaren, häßlich, unendlich häßliche Konsonanten, verzerrt, sinnlos, leblos. (Er spricht die Konsonanten nacheinander aus) „v“, „r“, „r“, „t“. Dieses Wort kann dich gefangennehmen, macht dich verrückt, du drehst durch, wirst krank…. Und ich hab sie umgebracht… sie ist weg… nicht mehr da … weggewischt… wie Nebel…

Lange Pause. Er ist ganz aufgelöst, sieht aus wie einer, dem man alles genommen hat.

(Fragt sich selber) Wo ist sie? Umgebracht hab ich sie?!!! Wie?!!! Ich hab doch nie Waffen gehabt: Messer… Pistolen… Brechstangen… weder Gift… oder Strick… noch Schnüre… keine Rasierklinge zum Adernaufschneiden, kein… hab nur mich selbst gehabt… Das hier… (Er deutet auf sich selbst) Ich war voller „das hier“. Voller ‚ich selbst’… Obwohl ich feige bin… hab ich sie umgebracht… Ja, umgebracht… mit meinem gewöhnlichen Zeug … dem allergewöhnlichsten… Ich hab ihren Kopf an meine eiskalte Mauer knallen lassen, die ich immer und jederzeit vor mir hertrage.

Weil… weil… weil ich tot war. Ohne Leben.

Ich war tot gewesen, als sie kam, als sie von dieser Nacht zurückkam. Ich lag im Bett meiner Kindheit und hatte gerade begriffen, daß es zu klein war. Dann hab ich, glaub ich, über mich nachgedacht. Hab mir selbst leid getan, mehr leid als die ganze Welt, als alle Natur. Ganz versunken war ich, in der Vergangenheit, und hab nicht gemerkt, wie sie die Tür aufmacht, sich auszieht, ihre Beine auf meine legt. Ich hab ihren Atem gespürt, sein Parfum, und dann die Hand, die an mir nach unten gleitet. Ich hatte keine Kraft, ihr etwas zu sagen. Ich habe gewartet, daß sie es selber sagt. Ich hab gewartet… Und dann, als ich seinen Geruch in der Nase und in der Lunge hatte, hab ich ihr ganz sanft gesagt:

„Du bist ein Bohémien“, sag ich, „immer hat dir das Ausreißen gefallen, Reisen, die Straßen, lange Nächte weit fort von zu Haus, von dem Haus, das wir nicht gebaut haben, dem Haus, das wir nie hatten.“

„Auch du bist ein Bohémien, auch dir hat das Ausreißen gefallen“, sagt sie mir. „Eben wie einer, der nicht da ist. Da, wo ich bin.“

„Das Ausreißen, mir?!“

„Das Ausreißen vor dir selber, deshalb bist du hier auch gestorben, gestorben in deiner Einsamkeit, in deinem tödlichen Schweigen. Du hast es nie verstanden, zu genießen, dein Körper war dir fremd“, fährt sie fort.

„Und was hat gefehlt, daß du fortgegangen bist? Was hat gefehlt? Das hab ich nie verstanden. Brennholz und Rinderfilets waren da. Was hat gefehlt? Zwei-drei einsame Stühle auf dem heißen Sand, die verlorene Kindersandale hat das Meer ans Ufer gespült, auch die Muscheln einer früheren Nacht. Wie angewurzelt habe ich gewartet, daß du gehst. Weg von meinem Schatten. Was hat gefehlt? Ein Schiff vielleicht… Das Schiff mit dem Anker im tiefen Blau…?“

Ich hatte keine Kraft, ihr zu widersprechen. Ich war kaputt. Ich konnte nicht einmal den Kopf schütteln. Aber… es ist wahr. Es ist wahr. Man lernt auch noch, wenn man schon tot ist, wenn sie einem die Hand zwischen die Beine stecken, wenn einen der Zorn umgehauen hat, wenn die Augen trüb geworden sind und man die eigene Haut nicht mehr erkennt.

„Aber wie ist es passiert?“ Wie ist es passiert? Ich weiß nicht, woher diese Stimme kam, diese indirekte Frage, plötzlich, verstohlen. Was wollten die von mir. Wer fragt mich… wer interessiert sich dafür. (Ironisch) „Ach ja, wie ist es denn passiert?“

Alles wegen der Einsamkeit. Es ist passiert, als ich zum ersten Mal in meinem Leben daranging, zu schwimmen, weil ich mich zum ersten Mal im Leben sicher fühlte. Kurz davor hatte ich Schwimmen gelernt. Sie war es, die es mir beibrachte, mir beibrachte, im Tiefen zu schwimmen.

„Du spürst das Wasser“, hatte sie gesagt, „Du spürst es, wie es von allen Seiten an dich herankommt, an dich heranklatscht.“

Und so war ich wohl weit hinaus geschwommen, weit hinaus und weit fort vom Ufer. Als ich mich umwandte, verstand ich zum ersten Mal, daß ich mich so weit hinausgewagt hatte, daß ich keine Möglichkeit mehr hatte, zurückzukehren. Ich hatte keine Kraft. Sie und die anderen dort am Ufer sahen klein aus, sehr klein. Wie klein mag ich ihnen erst erschienen sein, vielleicht wie ein Nichts. Das einzige, wozu ich Kraft hatte, war, die dort zu hassen… zu hassen… zu hassen nicht gerade, sondern etwas mit einer Beimischung von Geringschätzung. Vielleicht…. vielleicht aber… war ich auch gerettet.

Dann hab ich mich über sie aufgeregt, daß sie mich so weit hinaus schwimmen gelassen hatte. Wenn sie mir wenigstens „Vorsicht“ zugerufen hätte. Das einzige aber, das ich schließlich begriff, war, daß ich schlichtweg keine Zeit mehr hatte, mich darauf einzulassen. Nun, das ist alles; und dann hat sie die Tür geöffnet und hat sich in mein Kinderbett geschlichen, in dem meine Mutter mich gewiegt hatte.

Als spräche er mit seiner Frau, als wäre sie da. Er wendet sich an sie, die nicht da ist.

Weißt du?! Dann erschien vor meinem Blick eine hohe Brücke, ein formvollendeter Bogen, sehr hoch, ganz aus Glas, aus weißem Kristall, der in der Mitte, am höchsten Punkt, immer schmaler wurde.

Wiederum so, als wäre seine Frau da

Du weißt, daß mir vor der Höhe immer gegraut hat. Vor der Höhe und vor Schlangen. Nicht wahr? Also beschloß ich, keine Rettung anzunehmen, auch nicht als allerletzte Möglichkeit, und mich in Hoffnungslosigkeit zu verbarrikadieren.

Ich habe nie die Rettung durch andere akzeptiert, Mitleid auch nicht. Auch nicht als letzte Rettung. Das kam mir vor wie Versklavung. Hab ich nicht akzeptiert… auch von dir nicht…

„Du liegst falsch“, sagte ich dir in jener Nacht. Jener ersten Nacht, als du zurückkamst. Jener letzten Nacht. „Wandere nur weiter, ich kann hier liegen, ohne gewiegt zu werden, ich bin jetzt erwachsen, so sehr erwachsen, daß ich auch schon gestorben bin. Außerdem: In dieser Welt, das heißt in meiner Welt jetzt, existieren alle auf ihre eigene Rechnung. Das ist der einzige Ort, an dem man auf eigene Rechnung leben kann.“

„Aber“, sagtest du, „aber ich hab nicht gewollt, daß du so weit gehst, doch der Blick wurde mir übel verstellt von einer Stimme, die von weit her kam, aus meiner Vergangenheit, von der ich dachte, ich hätte sie vergessen.“

Und dann hast du dich nicht mehr allein gefühlt. So, wie du dich am Anfang gefühlt hast, als wir einander kennenlernten. Du erinnerst dich doch… du warst schüchtern, damals…

„Das ist vorbei. Es hat auch sein Gutes gehabt. Na ja… mein Rücken, der ständig wehtut, stört mich nicht mehr, der ist so unwichtig wie nur etwas, ich merke gar nicht, daß ich ihn habe, und auch alles andere, was mich ein Leben lang heimgesucht hat, macht mir nicht mehr zu schaffen. Ich bin gerettet.“

Nur geraucht hab ich damals viel, ich hab allein herumgesessen und hab die ganze Welt gehaßt, hab mich gegen alle schlecht aufgeführt, hab nicht geredet, hab nur gedöst, nur das hab ich gemacht und keinen Deut mehr. Das heißt, irgendwie hab ich mich auf dich eingelassen, auf meine Art halt.

Den ganzen Tag hab ich die Klänge der Einsamkeit gehört, die mir tief in der Brust herumwirbelten. Bloß der Kellner hat mich traurig betrachtet, als er den Kaffee zum Leichenschmaus für die an der Schwelle meiner Stimme stehengebliebene Zeit auftrug… Und dann ist nichts geschehen. Er hat den Kaffee aufgetragen, ich das pflichtschuldige Lächeln. Dir ist das nicht in den Sinn gekommen… Ein Lastwagen voller Erinnerungen rollte mir durch den Kopf und lud zu meinen Füßen einen Haufen finsterer Vermutungen ab. Ich vermochte nicht, darauf zu treten, weil ich barfuß war und Angst hatte, deine Liebesschreie zu überschreien. Und dann ist nichts geschehen. Er hat den nächsten Kaffee aufgetragen und ich das nächste Lächeln. Dir ist das nicht in den Sinn gekommen… Ich wollte mich rühren, dorthin laufen, losrennen, aber ein Haufen Schwermut hat mir den Weg versperrt, den Weg zu mir selbst, den Weg nach dort, wo ich gewesen war. Die Melodien setzten wieder ein. Die Erinnerungen sind Vergangenheit, unwiederbringlich, und der Lastwagen fuhr mir über den Rücken… ließ den Kellner den nächsten Kaffee nicht mehr bringen, den zum Leichenschmaus für die Einsamkeit…

Macht dich das stolz? Wenn nicht, dann mußt du leben. (Sein Kopf sackt nach unten)

(er sieht auf die Uhr) O je… (ironisch) Zeit für die Medikamente. Hochdruck, Verkalkung, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, und für alles – Arzneien. Und warum? Warum?!!! Wer weiß, warum. Soll halt so sein. Weil… weil… sich alle in die Hosen machen, bevor sie sterben. Stürzen sich auf Heilmittel und dann gehen sie ein… wie die Schweine… Es gibt sogar solche, die, bevor sie abtreten, stottern und Botschaften hinterlassen (lacht lauthals). Botschaften an die anderen. Das ist so, als würdest du zu Lebzeiten Sentenzen schreiben, weise Sprüche, und sie den anderen wie Karamelbonbons hinwerfen. Denkt doch mal! Sterben wie auf einer Hochzeit… Eine Totenfeier, bei der du, anstatt den Hochzeitsgästen Karamelbonbons hinzuwerfen, denen, die gekommen sind, dich zu begraben, weise Sprüche vorbrockst… Hej! Spitze!

Lange Pause. Tödliches Schweigen…

Ich erinnere mich. Ich erinnere mich, wie wir stundenlang vor dem Fernseher hockten und ihre Lieblingssendungen anschauten… Dokumentarfilme, die mit wilden Tieren in den Wäldern in Afrika oder am Amazonas. Sie hat sich dabei vergnügt, damals, obwohl sie nicht alles verstanden hat. Ich habe auch nicht alles verstanden. Aber ich bin dabeigeblieben. Wir haben es uns zusammen angeschaut.

Wieder zu seiner Frau, als wäre sie da.

Erinnerst du dich…? Erinnerst du dich…? Der einsame Büffel. Der hat sich von der Herde gelöst, der davonstürmenden Herde, und steht da, bis ihn die Löwen zerfetzen? Wir wußten nicht… wir begriffen damals nicht… wir verstanden nicht, warum er nicht mit den anderen weglief, um seine Haut zu retten, sich zu retten. Haben es nicht verstanden…. aber jetzt, ja… jetzt schon… jetzt hat es bei mir geklickt. Ich spüre es. Er war alt… müde… fix und fertig… Er hatte sein Leben damit zugebracht, wegzurennen, um sich vor den Löwen zu retten. Und zu guter Letzt hat er sich entschieden, zu sterben… zu sterben, ohne zu rennen, so im… im Stehen… ruhig und schweigend.

Na also, das wär’s!

Die Lichter gehen aus. Im Dunkeln ist der Klavierspieler aufgetreten, wieder wie im ersten Akt mit der Maske vor dem Gesicht, und setzt mit dem Nachspiel des Konzertes ein.

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

Ridvan Dibra auf Deutsch (I)

[ Ridvan Dibra auf Deutsch ]

RIDVAN DIBRA (1959)

Ridvan Dibra

BRIEFE AUS DER PROVINZ
Der erste Brief traf am letzten Samstag des Juni ein. Seine Hoheit befanden sich seit einigen Tagen auf Urlaub in einer der schönsten Villen des Reiches, im Norden des Landes, und dasjenige, dem er die geringste Aufmerksamkeit schenkte, war eben die Korrespondenz; er las lediglich die Schlagzeilen der wichtigsten Zeitungen, eine Illustrierte, die zweimal wöchentlich erschien und die zur Hälfte voller Pornophotos war. Mit Briefumschlägen war er entschlossen, sich zunächst nicht abzugeben. Sogar, sie nicht einmal zu öffnen.

Natürlich konnte die eine oder andere Ausnahme gemacht werden. Zum Beispiel mit den Briefen seiner zahlreichen Geliebten. Oder der getreuen Ratgeber, die weit fort in der Hauptstadt des Reiches geblieben waren. In den ersten fünf Tagen des Urlaubs war allerdings kein einziger Briefumschlag gekommen, was mit der simplen Tatsache in Zusammenhang gebracht wurde, daß die zahlreichen Geliebten und getreuen Ratgeber wußten, daß Seine Hoheit im Urlaub, vornehmlich in dessen Tagen, von Korrespondenz gestört wurden.

Der erste Briefumschlag traf am letzten Samstag des Juni ein, d.h. am sechsten Urlaubstag. Der Umschlag wäre von Seiner Hoheit nicht einmal beachtet worden, wäre er nicht ganz plötzlich aus dem großen Stapel Tageszeitungen herausgerutscht und auf den mit großen roten Rosen geschmückten Boden gefallen. Der Umschlag verschwand irgendwo zwischen dicken Decken und der König kniete nieder, nicht ohne Wißbegierde. Doch erlosch seine Neugier, als er den Umschlag in die Hand nahm und sah, daß es ein ganz gewöhnlicher war: einer von denen, die an den Straßenrändern seines Reiches verkauft wurden, zusammen mit Tageszeitungen, Pornozeitschriften und Schulheften. Als er dann feststellte, daß der Absender ein ihm völlig unbekannter Irgendwer war und ihm aus einem entlegenen Winkel des Reiches schrieb, wie Egoboka es war, warf er den Umschlag ungeöffnet weg.

Am nächsten Tag trafen zusammen mit den Tageszeitungen und der Illustrierten, die zweimal wöchentlich erschien und zur Hälfte voller Pornophotos war, auch die ersten Briefe der getreuen Ratgeber und der zahlreichen Geliebten ein. Die Briefumschläge waren groß, mit Blumen verziert und parfümiert. Seine Hoheit lasen lediglich die Anfangszeilen der Briefe und verstanden alles: Die Geliebten verzehrten sich vor Sehnsucht, die Ratgeber hingegen vor Ergebenheit. Den Umschlag jedoch, der aus Egoboka kam, warf der König angwidert fort. Er war klein, von Fettflecken verschmiert und hatte einen starken Schweißgeruch an sich. So ging es auch in den anderen Urlaubstagen. Seine Hoheit lasen lediglich die Schlagzeilen der wichtigsten Zeitungen, die Illustrierte und die Anfangszeilen der zahlreichen Briefe. Die Umschläge, die er regelmäßig aus Egoboka erhielt, warf er hingegen angewidert fort.

Am letzten Urlaubstag erfuhren Seine Hoheit aus den Schlagzeilen der Zeitungen, daß die Bürger seines Reiches sich gegen ihn erhoben und den Königspalast in Brand gesteckt hatten. An der Spitze der Rebellion standen einige seiner getreuen Ratgeber und zahlreichen Geliebten. Da beschloß der König, sich irgendwie zu rächen, d.h. alle Briefe und Zeitungen zu verbrennen. Die Briefe verbrannten geräuschvoll und die Flammen waren blaß. Als sich die Asche zu einem Turm aufhäufte, fielen dem König die Briefe ein, auf denen hinten „Egoboka“ stand. Er suchte sie alle zusammen, hielt das angezündete Streichholz daran, besann sich im allerletzten Augenblick jedoch eines anderen: Er warf das brennende Zündholz fort, zog aus dem Stapel den Umschlag heraus, der zuletzt gekommen war, und öffnete ihn mit leicht zitternden Händen.

Die Tinte war an vielen Stellen verwischt und der Brief war nur mit Mühe zu lesen, sein Inhalt war jedoch nicht verlorengegangen: darin wurde die Rebellion bis in die kleinsten Details vorhergesehen. Der König erschauerte und verwünschte sich selbst. Dann dachte er an die anderen Briefumschläge aus Egoboka: Sicherlich stand in einem von ihnen auch, wie man die Rebellion unterdrücken konnte. Er öffnete einen, die Tinte war jedoch so sehr verschmiert, daß nichts mehr zu verstehen war. Ebenso beim nächsten Brief. Und wieder mit dem nächsten. Bis keiner mehr da war.

Da empfanden Seine Hoheit eine plötzliche Beklemmung irgendwo in der Brust und stürzten auf die großen roten Rosen.
Am nächsten Tag sollte die Rebellion auch die Nachbarreiche erfassen.

Juni 1977


STANDBILDER AUS EIS

Im Norden von Egoboka, ganz im Norden, wo es nie vorkommt, daß der Tag länger als die Nacht ist, finden Jahr für Jahr Ausstellungen von Standbildern aus Eis statt. Die Bildhauer der Eisstandbilder werden ständig mehr und sie arbeiten voller Ernst das ganze Jahr lang auf die Ausstellung hin, obwohl sie durchaus wissen, daß ihre Arbeiten sich nur einen Tag ihres Leben erfreuen können. Das Erstaunlichste ist, daß sich die Bildhauer der Eisarbeiten nicht privilegiert fühlen gegenüber ihren Kollegen, die mit festen und nur mühsam zu meißelnden Materialien wie, zum Beispiel, Gips und Marmor arbeiten; im Gegenteil, sie verwünschen in einem fort die große Brüchigkeit der zerbröckelnden gefrorenen Materie.

Überzeugt von der Kurzlebigkeit ihres Werkes verwenden sie ganz außergewöhnliche Sorgfalt auf die Form, das Herausarbeiten eines jeden Details, so unerheblich es für das gewöhnliche Auge auch sein mag. Und in den meisten Fällen wird ihre Absicht von Erfolg gekrönt, nicht zuletzt dank des blinden Gehorsams, den das Eis ihrem Meißel erweist. Am erstaunlichsten ist, daß die Eisbildhauer nicht im geringsten an ihre Kollegen denken, die einstmals, vor langer, langer Zeit, ebenso erfolgreich waren, obwohl sie mit mühsam zu meißelnden Materialien wie, zum Beispiel Gips oder Marmor, arbeiteten.

Jetzt ist die Ausstellung fertig: die phantastischsten Tiere, Götter und Drachen, Affen, Menschen; alle perfekt, alle aus Eis. Die Sonne verleiht ihnen einen wunderbaren Goldglanz und läßt sie wie lebendig erscheinen. Allerdings müßt ihr euch in eurer Betrachtung sputen.
Morgen ist es zu spät.


GERISSENE KETTE

Der Tag war klar und alle sagten, daß es eine Mondnacht geben werde.
Der Mond hatte einen platinfarbenen Ring um sich und manch einer sagte, daß es am nächsten Tag regnen werde.

Am nächsten Tag regnete es und die Fischer sagten, daß sie einen glücklichen Fang machen werden.
Die Fischer fuhren auf die offene See hinaus und niemand war sich ihrer Rückkehr sicher.


UNSERE ERDE

„Schaut unsere Erde an!“, sagte begeistert der Astronaut, der als erster den Mond betrat. „Von hier aus sieht sie wie ein schöner, gesunder großer Apfel aus.“

„Und der Wurm? Sieht man von hier aus den Wurm?“, fragte sein Kamerad, der gerade angekommen war.


SONDERBARES BUCH

Mein Freund hat ein sonderbares Buch veröffentlicht, ein wirklich sonderbares, vielleicht das sonderbarste auf der Welt. Das Hellgrün der Buchdeckel sieht aus wie Speichel, die Seiten sind alle schwarz, ohne auch nur einen Buchstaben, der da stünde. Anstelle von Buchstaben sind auf jeder Buchseite mit einem Spezialkleber verschiedene Insekten eingeklebt, die einst wegen ihres Gifts bekannt waren.

Die erste Seite eröffnet ein großer schwarzer Skorpion, auf der zweiten geht es mit einer sehr zartgliedrigen, verstohlenen Mücke weiter, auf der dritten mit einer braunen, heimtückischen Spinne und so fort bis zur hundertsten Seite, die zugleich die letzte Seite des Buches ist.
Das Buch meines Freundes trägt den Titel: „Handbuch für alle, die noch nicht geboren sind.“ Er hat es in einer Auflage von einer Milliarde Exemplaren drucken lassen und verteilt es umsonst.


DAS HOCHHAUS

Das Hochhaus ist 35-stöckig. Nicht fertig gebaut. Laut Projektleiter wird es 45 Stockwerke haben. Keines weniger, keines mehr. Stefan hat beschlossen, im 35. Stock mit Ana Liebe zu machen. Die Ana ist schon längst dort oben, sie ist an den Gerüsten hinaufgeklettert, sitzt da und wartet. Beim Weg hinauf hatte sie kein ernsthaftes Problem, ausgenommen einen leichten Schwindel im 25. Stock, der sie zwang, dort ein ganz klein wenig auszuruhen.

Der Stefan leidet schrecklich unter dem Aufstieg. Am Anfang hatte er nicht den Mut, Ana zu folgen und wie sie zu klettern, sondern wählte die Treppe. Die schien ihm sicherer zu sein. Bequemer. Aber schon auf den ersten Stufen wurde ihm klar, daß er sich schwer geirrt hatte und mit großer Verspätung hinaufkommen würde. Wie dem auch sei, er war entschlossen, auf das 35. Stockwerk hinaufzusteigen, wo Ana auf ihn wartete. Und Ana würde auf ihn warten. Davon war er überzeugt. Wichtig war, daß kein anderer vor ihm hinaufstiege. Zumindest nicht in dem Treppenhaus, das er in der Kontrolle hatte. Sollte es jemand wagen, war er bereit, sich mit ihm zu raufen. Ana verdiente es. Allerdings konnte auch jemand über die Gerüste klettern und so hinaufkommen, was Stefan zwar nicht wollte, aber selbst wenn es dazu käme, würde er sich doch nicht allzusehr aufregen: Die Treppe war wichtig, da sollte niemand hinaufsteigen.

Stefan litt schrecklich unter dem Aufstieg. Bereits im ersten Stockwerk verstellte ihm eine tausendjährige Alte den Weg und hielt ihn dort ein Jahr lang auf.

Im dritten Stock überredete ihn eine Frau, die seltsamerweise seiner Mutter ähnelte, Halt zu machen. Sie sagte ihm, es sei ein Blödsinn und eine Schwäche seinerseits, sich so darauf zu versteifen, bis zum 35. Stock hinaufzusteigen, bloß um eine Frau zu treffen, selbst wenn es Ana ist. Er, seinerseits, widersprach ihr und sagte, er sei ein glücklicher Mensch, da er einen Grund (so banal er der Frau, die seltsamerweise seiner Mutter ähnelte, auch vorkommen mochte) habe, auf den 35. Stock hinaufzusteigen, weil, seiner Meinung nach, die meisten Menschen nicht wissen, warum und wohin sie aufsteigen. Dieses Argument erschien der Frau, die seltsamerweise seiner Mutter ähnelte, keineswegs einleuchtend, und sie wollte Stefan dort gewaltsam zurückhalten. Unter diesen Umständen tat er, was er nie gedacht hatte, je tun zu können: Er schlug die Frau, die seltsamerweise seiner Mutter ähnelte, und setzte den Aufstieg fort.

Im fünften Stock lag ihm ein Mädchen, jung und nackt, im Weg. Es war Stefan völlig unmöglich, über ihren Körper hinwegzugehen, deswegen verlor er dort viel Zeit.
Später, bis zum zehnten Stockwerk, wurde der Aufstieg normaler, und Stefan stieß auf kein erwähnenswertes Hindernis.

Im zehnten Stock begann die Hölle. Große Spinnen hatten die Ecken der Etagen erobert, von wo aus sie dicke und dichte Netze des Zweifels spannen (er verlor dann viel von seiner Aufstiegszeit, um sie zu zerreißen); schwarze Skorpione krochen aus den unverputzten Wänden, ließen sich wie reife Maulbeeren auf seine Brust fallen und stachen ihn gierig. Er spürte, wie ihr selbstsüchtiges und todbringendes Gift seine Brust durchzuckte (wieder verlor er viel von seiner Aufstiegszeit, um zu genesen und wieder zu Kräften zu kommen); wirre Fledermäuse verirrten sich absichtlich und verhedderten sich in seinen Haaren (er brauchte viel Zeit, sie wieder herauszuziehen, und es geschah oft, daß er zusammen mit den Fledermäusen auch Haarbüschel ausriß); Schlangen, gesichtslos wie Erinnerungen an eine schlechte Zeit, züngelten aus dem Gestein hervor und umschlangen seine Schultern (es war ausnehmend schwierig und er vertat viel Zeit damit, sie von dort wegzuziehen, weil sie nicht zu fassen waren und ihm aus der Hand glitten).

Stefan leidet schrecklich unter dem Aufstieg. Er sieht erschöpft aus.
Ana erwartet ihn im 35. Stockwerk. Sie sieht entschlossen aus.

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

© Ridvan Dibra
© Übersetzungen Hans-Joachim Lanksch


Ridvan Dibra, geb. 1959 in Shkodër, Studium der albanischen Sprache und Literatur an der dortigen „Luigj-Gurakuqi-Universität“. Fünf Jahre Lehrer in Kukës, sechs Jahre Journalist in Shkodër, jetzt Universitäts-Dozent für albanische Literatur in Shkodër. Er hat zwei Bände mit Erzählungen, je einen Band Parabeln und Novellen und fünf Romane veröffentlicht. Ein Roman und ein Band mit „mythologischen Parabeln“ befinden sich derzeit im Druck. Auszüge aus seinem Werk wurden bisher ins Italienische, Serbokroatische und Makedonische übersetzt.

Der shkodranische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Stefan Çapaliku schreibt: „Ridvan Dibra tritt den Beweis an, dass man Literatur nicht nur dann schreiben kann, wenn man mit dem Schädel gegen dicke Wände gewaltiger nationaler oder sozialpolitischer Themen und Konflikte rennt. Für ihn ist Literatur ein Text, der anregt und kommuniziert, der die Denotation des Wortes hintanstellt und seiner Konnotation Denkmäler errichtet.“

Ridvan Dibra auf Deutsch

[ Ridvan Dibra auf Deutsch I ]

Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj

Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

Ridvan Dibra (1959)

Ridvan Dibra

Ridvan Dibra, geb. 1959 in Shkodër / Albanien, Studium der albanischen Sprache und Literatur an der dortigen „Luigj-Gurakuqi-Universität“. Fünf Jahre Lehrer in Kukës, sechs Jahre Journalist in Shkodër, jetzt Universitäts-Dozent für albanische Literatur in Shkodër. Er hat zwei Bände mit Erzählungen, je einen Band Parabeln und Novellen und fünf Romane veröffentlicht. Ein Roman und ein Band mit „mythologischen Parabeln“ befinden sich derzeit im Druck. Auszüge aus seinem Werk wurden bisher ins Italienische, Serbokroatische und Makedonische übersetzt.

Der shkodranische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Stefan Çapaliku schreibt: „Ridvan Dibra tritt den Beweis an, dass man Literatur nicht nur dann schreiben kann, wenn man mit dem Schädel gegen dicke Wände gewaltiger nationaler oder sozialpolitischer Themen und Konflikte rennt. Für ihn ist Literatur ein Text, der anregt und kommuniziert, der die Denotation des Wortes hintanstellt und seiner Konnotation Denkmäler errichtet.“

Ridvan DIBRA

DIE ÄGYPTISCHEN PLAGEN: DIE WUNDEN DES MOSE

Alle haben Zippora vergessen, die Frau des Propheten.

Die Himmel werden aufgeblättert wie Buchseiten,
Mein Gott.

Vergilbt von der Zeit
Mehr jedoch – sag ich – vom täglichen Durchblättern
Hier geknickt, da zerrissen
Von Blitzen und unserer Ungeduld.

Blind sind wir wieder wie im Anfang,
Mein Gott.

Auch nicht eine Seite haben wir zu lesen verstanden
Auch nicht eine Zeile, auch nicht einen Buchstaben
Einfach weil wir landauf landab suchten
Als nah und fern das Alphabet gelehrt wurde.

Taub sind wir wieder wie im Anfang,
Mein Gott.

Haben’s nicht verstanden Deine Stimme zu hören
Verwirrt von tausendundeiner falschen Stimme
Als alles so leicht und einfach war und es genügte
Den Kopf zu senken und unsern Atem zu hören.

Hungrig sind wir wieder wie im Anfang,
Mein Gott.

Einfach weil wir nach dem Weinstock des Nachbarn gierten
Und nie unser Unkraut und die Erdkugel segneten
In die wir nicht hätten hineinbeißen dürfen
Überstürzt wie in einen unreifen Apfel.

Einsam sind wir wieder wie im Anfang,
Mein Gott.

Überallhin verstreut wie Sand im Sandsturm
Den unsere Backen aufwirbelten
Oder verwaiste Kinder die reumütig sind
Weil sie die Hand erhoben, die Eltern erschlugen.

Im Staub sind wir wieder wie im Anfang,
Mein Gott.

An unsren Lippen, in unsren Lungen ist Staub
Und fliegen wir, folgt uns der Staub, scheint’s, in alle Winde
Einfach weil wir vor einem jeden Aufbruch
Keine Lust haben uns zu reinigen oder es vergessen.

Obdachlos sind wir wieder wie im Anfang,
Mein Gott.

Unsre Hütten stürzen ein noch ehe sie fertiggebaut sind
Nicht einmal tausend Jahre halten sie Deinem Zorn stand
Wir hingegen geben die Schuld nacheinander
den Wänden, der Grundmauer, dem Dach.

Durstig sind wir wieder wie im Anfang,
Mein Gott.

Unsre Lippen – von Gluthitze verdorrt und rissig
Alle Quellen des Lebens haben wir ausgetrocknet
Unzählige Quellen des Blutes haben wir dann
ersehnt und ersonnen.

Unwissend sind wir wieder wie im Anfang,
Mein Gott.

Einfach weil wir den zweiten Schritt vor dem dritten setzten
Und das erste Wort nach dem zweiten sagten.
Daher ist auch unser Wissen nichts weiter
Als ein Berichtigen einst gemachter Fehler.

Du bist wieder überall
Und wir wieder nirgendwo,
Mein Gott.

Die Gründe des Blutes haben wir sämtlich mißachtet
Haben auch den Schrei der Bekümmerten vergessen
Haben vergessen daß die Wunden der Feinde eines Tages
Stärker schmerzen in unserer Brust.

Sie schmerzen in meiner Brust,
Mein Gott.

DIE ERSTE WUNDE: BLUT

Dir schaudert vor Blut mehr als vor den Schatten, Zippora,
Vor Blut das keinen Namen hat, aus frischer Wunde quillt
Vor Blut das in allen Wunden gleich glitzert
Vor Blut das nie verstand zu Wasser zu werden,

Denn Wasser wird zu Blut,
Meine Zippora.

Es reicht wenn ich mit meinem Schlangenstab darauf schlage
Mit meinem unbändigen Willen, wollt ich sagen
Bamm – bamm – bamm
Bamm – bamm
Bamm.

Sieh wie blutig die Flüsse und alle anderen Gewässer wurden
Der Schnee schmilzt und läßt Blut tröpfeln
Von spitzen Eiszapfen tröpfelt Blut
Tropf – tropf – tropf
Tropf – tropf
Tropf.

Begreift jetzt den Preis des Wassers und laßt mein Ziel ziehen
Ihr rissigen Lippen und ihr vertrockneten Landstriche
Ihr durstigen Brüste und ihr hungrigen Fische
Vergessen habt ihr daß man mich aus dem Wasser zog
Und den Namen dazu:

Leben war er im Anfang
Tod kam gleich darauf.

DIE ZWEITE WUNDE: FRÖSCHE

Dir schaudert vor dem Sumpf mehr als vor Blut, Zippora,
Vor dem Sumpf der Vergessen und Unachtsamkeit heißt
Vor dem gelben Sumpf der das Grün bändigt
Wie der Augenblick die Ewigkeit

Dem Sumpf entsteigen Ungeheuer,
meine Zippora.

Alle möglichen trägen und abstoßenden Kriechtiere
Allerlei bunte und giftige Lilien
Vielerlei Gekeuche, alles schlammverschmiert
Und am Schluß die rätselhaften Frösche:

Angelockt von meinem Schlangenstab
Von meinem unbändigen Willen, wollt ich sagen.

Sie klettern heraus und in dein Haus, Zippora,
Ins Zimmer in dem du schläfst
In dein Bett kriechen sie
Bringen die weißen Laken durcheinander
Und deinen friedlichen Schlaf
Mit ihrem schleimigen Gesabber
Quak – quak – quak
Quak – quak
Quak.

Wenn die Götter gegeneinander Krieg führen
Muß der Mensch Frieden mit sich selbst machen,

Meine Zippora.

DIE DRITTE WUNDE: STECHMÜCKEN

Dir schaudert vor der Ursache mehr als vor den Folgen, Zippora,
Vor der Ursache die ich bin oder ein andrer in mir
Was allerdings selten vorkommt, sehr selten bei Menschen
Und vielleicht nie bei den Töchtern Evas.

Die Staubwirbel sind jetzt Wolken von Stechmücken,
Meine Zippora.

Auf deinem Gesicht und deinem langen Körper
Auf deinen Lippen und deinen kleinen Brüsten
Auf deinem Schlaf und deinen unschuldigen Träumen
Auf deinem Schweigen und deiner göttlichen Geduld
Auf deinen Tränen und deinem seltenen Lachen
Auf deiner Mutterschaft und deiner geringen Frucht
Auf deinen Wurzeln und deinem grünen Stamm
Haften graue Spuren von Stichen,

Meine Zippora.

DIE VIERTE WUNDE: FLIEGEN

Überall sind die kleinen Dinger und sehr lästig, Zippora,
Wie gelbe Sandkörner zwischen den Fingern
Oder alltägliche Worte und Ereignisse
Die es vielleicht auch nicht gegeben hat,

Diese Wolke von Fliegen ist ein Leichentuch,
Meine Zippora.

Weder die Wunde noch der Biß oder das Gift
Auf deinem marmornen weißen Körper
Oder alle drei zusammen doch irgendwo unter einer Haut
Dort wo Empfindlichkeit schmerzt wie eine nicht begangene Sünde
Und der Anfang als zu erwartendes Ende projiziert wird.

Denn selten kommt der Tod
Bevor wir selbst ihn gerufen haben,

Meine Zippora.

DIE FÜNFTE WUNDE: DAS VIEH

Einst habe ich über dich wie über Vieh gesprochen, Zippora,
Habe bei ihm alles von dir gefunden
Oder bei dir alles von ihm, das ist egal.

Ich spreche von Zeiten da du Natur hießest
Oder die Natur Frau hieß, das ist egal.

Aber alles Vieh stirbt,
Meine Zippora.

Es starb in dir, vergrämt, eins nach dem andern
Es starb die Schönheit der Ackerpferde in der Dämmerung
Es starb das Opfer des Kamels in gelber Wüste
Es starb die Unbedarftheit der Esel die Disteln kauten
Es starb die Güte des Schafes
Und die Fruchtbarkeit der eingegangenen Kuh.

Nacheinander wurden die Fäden abgerissen
Oder war ich es der sie nach und nach abriß
Die Fäden die dich mit der Natur verbanden,

Meine Zippora.

DIE SECHSTE WUNDE: STAUB

Staub ist wie ein Vorurteil, Zippora,
Er saugt an den Lungen
Wickelt dich ganz ein
In einen Umhang der die Farbe wechselt
Je nach der Jahreszeit,

Es ist der Himmel der Ofenasche siebt,
Meine Zippora.

Auf dich und jedes Lebewesen ringsum
Fällt graue Trauer die sodann
Den kranken ewigen Herbst gebiert
Vor Unfähigkeit eine andere Jahreszeit zu sein
Die dem Menschen und seinem Geschick mehr gliche
Denn unterm Staub werden alle Schicksale gleich
So zumindest erscheinen sie dem ungeübten Auge
Dem Blick der die Oberflächen nur eben streichelt
Wie der Staub deine Gefühle,

Meine Zippora.

DIE SIEBTE WUNDE: HAGEL

Zwischenzustände haben dir immer Angst eingeflößt, Zippora,
Zum Beispiel der Hagel: weder Regentropfen noch Schneeflocke
Oder auch Regentropfen und Schneeflocke zusammen,

Du allein zwischen Feuer und Eis,
Meine Zippora.

Es sind keine Perlenketten die den Himmeln umgehängt werden
Stricke mit Hagelkugeln sind es
Mein hölzerner Stab lockt sie herbei
Zusammen mit den Feuerschlangen der Blitze
Sich verzehrend wie blinde Leidenschaft.

Die Gerste verbrannte und vertrocknete in der Ähre
Auch der Flachs war gerade erst aufgeblüht.

Nicht aber der Weizen der widersteht und spät reift
Wie dein unverletzlicher Kern,

Meine Zippora.

DIE ACHTE WUNDE: HEUSCHRECKEN

Eine geschlossene Wunde zieht eine andere Wunde an, Zippora,
So wie ein Wunsch einen anderen und ein Schmerz den nächsten Schmerz
Bis zu dem Augenblick da die Seele ein seelenloses Ding wird
Und der Körper Seele und Geist zugleich,

Da kommen die Totentänzer,
Meine Zippora.

Der Ostwind hat sie scharenweise herangeweht
Es ist das Heer der hungrigen, nie satten Augenblicke
Die Pest die alles Verbliebene zermahlt
Besonders die jungen, noch nicht herangewachsenen Halme
Oder alles andere was grün ist und die Hoffnung nährt
Womit deine Seele bepflanzt ist
Und auch dein warmer Leib,

Meine Zippora.

DIE NEUNTE WUNDE: FINSTERNIS

Dir schaudert vor der Finsternis mehr als vor dem Feuer, Zippora,
Wenn die Formen verschwinden und alles gleich wird
Hohes und Niedriges und Weiß und Schwarz,

Vor der Finsternis die man mit der Hand berühren kann,
Meine Zippora.

Dann hast du keine andere Rettung als zu dir selbst zurückzukehren
Wie zu einem verlorengegangenen
Nach vielen, vielen Jahren wiedergefundenen Freund
Dunkel ist Dunkel und löst sich nicht auf wie Nebel
Es verbirgt das Unbekannte und entdeckt das Bekannte
Der Mensch sieht den Menschen nicht außer wenn er ihn anrührt
Wenn ein Ausweichen unmöglich ist.

Verspätete Wiedergutmachung tut dir weh
Wie mir das wiedergefundene Selbst,

Meine Zippora.

DIE ZEHNTE WUNDE: TOD

Dir schaudert vor dem Tod weniger als vor dem Leben, Zippora,
Vor dem Leben an meiner Seite, sag ich, und an der Seite meines einsamen Volkes
Mit dem ewigen und falschen Vorhaben gerettet zu werden
Im qualvollen Streben nach gegenseitigem Verstehen,

Der Tod aber, er flieht vor dir, meine Zippora!

Auf deine kluge Stirn habe ich wie auf den Querbalken eines warmen Hauses
Ein warnendes Blutmal gezeichnet:
Daß der Tod sich erinnere und einen anderen Unterschlupf suche
Denn der Mensch kann nur erkennen was er selbst schuf
Während Anfang und Ende Schöpfungen eines anderen sind
Wenngleich Elefanten an den Ort ihrer Geburt zurückkehren
Um zu sterben.

„Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich“
Sagte der Tod, der Tod selber, eines Tages,

Meine Zippora.

DIE ELFTE WUNDE: ZIPPORA

Stärker und sicherer als auf meinen hölzernen Willen
Gestützt auf dein schweigendes Sich-Aufopfern, Zippora,
Du, die unverschlossenste aller meiner Wunden
Die mehr schmerzt wenn die anderen schweigen.

Lang war der Weg, Zippora, allzu lang und voller Kehrtwendungen
Ich erwartete daß sie mein Ziel verpassen würden
Wenn ich auch wußte daß nur Kinder den Sieg des Augenblicks wollen
Und daß in mir alle früheren Propheten vorausgegangen waren.

Lange Wege enden nie allein, Zippora,
Stab und Glaube waren zu wenig: Nur Gott ist sich selbst genug
Ich hätte es nötiger gehabt daß sie mich lieben als daß sie mich verstehen
Da kamst du und hattest die Seele hinter den Körper gepackt.
Ich habe nur das Ziel geliebt darum mochten mich die Menschen nicht, Zippora,
Giftgefüllte Becher in deinen weißen Händen
Doch Trauer ist Tugend und Freude ist Sünde
Die Geschehnisse aber leben weniger als die Menschen.

Wenn du jemanden etwas lehrst, wirst du bezahlt, Zippora,
Wenn du alle etwas lehrst, mußt du bezahlen.

Schön ist es und schwer, Prophetenfrau zu sein,

Meine Zippora.

März 2000

Ridvan DIBRA, Plagët e Moisiut

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch


Ridvan Dibra

Albanischer Schriftsteller aus Shkodër

http://www.ridvandibra.tk/


Veröffentlichte Werke:

– THJESHT (Einfach), Gedichte, 1989. Verlag „Naim Frashëri“, Tiranë.
– PROSTITUTA E VIRGJËR (Die jungfräuliche Prostituierte), Kurzgeschichten, 1994. Verlag „Idromeno“, Shkodër.
– EKLIPSI I SHPIRTIT (Sonnenfinsternis der Psyche), Kurzgeschichten, 1994. Verlag „Gjergj Fishta“, Shkodër.
– NUDO (Nackt), Roman, 1995. Verlag „MçM Çabej“, Tiranë.
– VETMIA E DIELLIT (Die Einsamkeit der Sonne), Parabeln, 1995. Verlag „Rilindja“, Tiranë.
– MJERIMI I GJYSMËS (Das Elend der Hälfte), Novellen, 1996. Verlag „Fi&Ga“, Makedonien.
– KURTHET E DRITËS (Die Fallen des Lichts), Roman, 1997. Verlag „Onufri“, Tiranë.
– TRIUMFI I GJERGJ ELEZ ALISË (Der Triumph des Gjergj Elez Alia), Roman, 1999. Verlag „Onufri“, Tiranë.
– STINA E UJKUT (Die Jahreszeit des Wolfs), Roman, 2000. Verlag „Camaj & Pipa“, Shkodër.
– TË LIRË DHE TË BURGOSUR (Frei und eingesperrt), Roman, 2000. Verlag „Buzuku“, Prishtinë.
– VËLLA ME CENTAURËT (Mit Zentauren verbrüdert), Parabeln, 2000. Verlag „Buzuku“, Prishtinë.
– TRIUMFI I DYTË I GJERGJ ELEZ ALISË (Der zweite Triumph des Gjergj Elez Alia), Roman, 2002. Verlag
„Buzuku“, Prishtinë.
– EMAIL (E-Mail), Roman, 2003. Verlag „Sejko“, Tiranë.

Ridvan Dibra wurde am 9. Januar 1959 in Shkodër geboren. An der Luigj-Gurakuqi-Universität seiner Heimatstadt diplomierte er in Albanischer Sprache und Literatur. Er hat als Lehrer in Kukës (’82 – ’87) und Journalist in Shkodër (’88 – ’94) gearbeitet. Derzeit ist er Dozent für Albanische Literatur an der Universität in Shkodër.

E-mail: r-dibra@unishk.albnet.net

Ridvan Dibras Schaffen wurde mit mehreren nationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. Es liegen Übersetzungen in deutscher, italienischer, makedonischer und serbokroatischer Sprache vor. Profilierte albanische Kritiker und Autoren haben sich zu Dibras Werk geäußert:

„Die Romane, Kurzgeschichten, Novellen und Parabeln weisen dem Schriftsteller Ridvan Dibra einen bedeutenden Platz in diesem Genre der albanischen Literatur zu … Der Leser hat das Vergnügen, diesen Autor als begabten Erzähler epischen Zuschnitts und zugleich als Denker mit einer innovativen Erzähltechnik zu erleben … “

Ali Aliu, Literaturkritiker

„Ridvan Dibra vervollständigt immer mehr sein Image als seriöser und skrupulöser Prosaautor, der sich selbst mehr abverlangt als dem Leser. Sein Werk erfordert nichts weiter als Aufgeschlossenheit.“

Shpëtim Kelmendi, Schriftsteller

„… Dibra schreibt eine meisterhafte Handschrift, die zu den brillantesten der albanischen Literatur zählt.“

Shkëlzen Maliqi, Kunsthistoriker

„Die Parabeln Ridvan Dibras lassen in der Komplexität ihrer überbordenden Phantasie an Kafkas Parabeln oder auch an Updikes rätselhafte Skizzen denken. Ich meine dies, wohlverstanden, als literarische Parallele im Sinne einer typologischen Ähnlichkeit und damit eines neuen Phänomens in unserer Literatur.“

Bashkim Shehu, Schriftsteller

„Ridvan Dibra tritt den Beweis an, dass man Literatur nicht nur dann schreiben kann, wenn man mit dem Schädel gegen dicke Wände gewaltiger nationaler oder sozialpolitischer Themen und Konflikte rennt. Für ihn ist Literatur ein Text, der anregt und kommuniziert, der die Denotation des Wortes hintanstellt und seiner Konnotation Denkmäler errichtet. Er nimmt den Faden auf, den Ernest Koliqi mit der Sprachkunst seiner berühmten Erzählungen in den dreißiger Jahren gesponnen hatte …“

Stefan Çapaliku, Dramatiker

„In Dibras Werk scheint ein Echo aus der Erzählkunst von George Orwell’s „Farm der Tiere“ oder der Prosa eines James Joyce anzuklingen. Der Literatur Albaniens haben ein derartiger Diskurs, derartige stilistische Modalitäten und derartige erzählerische Transformationen gefehlt.“

Prend Buzhala, Literaturkritiker

„Dibra hat die thematischen Tabus gebrochen, welche die Literatur des Sozialistischen Realismus in Albanien beherrscht haben. In diesem Zusammenhang ist zu sagen, daß er zu denen gehört, die das Bewußtsein des Künstlers davon, daß der thematische Gegenstand polychrom ist und unbegrenzte Möglichkeiten des Zugangs und des Definierens birgt, wiederhergestellt haben.“

Kujtim Rrahmani, Schriftsteller

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

Primo Shllaku auf Deutsch

Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj
Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

PRIMO SHLLAKU (1947)

Primo Shllaku Der 1947 in Shkodër geborene, aus einer Künstlerfamilie stammende Primo Shllaku bezeichnet sein 1994 erschienenes, 100 Gedichte umfassendes Buch „Nachtblumen“ als Anthologie, es ist eine Auswahl aus den lyrischen Seismographien, die er während 25 Jahren heimlich verfaßt hat, in einer Zeit, in der, wie es in einem seiner Gedichte heißt, „die toten Musen kein Skelett hinterließen/sondern Gras auf den Augen der Greise“. Alle seine Texte sind, wie er im Vorwort „An den Leser“ sagt, „im Schatten gewachsen und gereift. Das kann ihr Tod sein, aber auch ihre Ehre“. Seine Dichtung, so sagt der Autor, ist Zeitzeugin der Generation der um 1950 Geborenen, der unglückseligsten aller heute in Albanien lebenden Generationen, die in ihrer Jugend in den siebziger Jahren die Diktatur voll und ganz zu schmecken bekam, in einer Gesellschaft voller „moralischer Zwerge“ und in einer „Atmosphäre, die das Jenseits grundsätzlich leugnete und dann auch noch verstohlen und nach und nach daranging, das diesseitige Leben des Menschen außerhalb des Gesetzes zu stellen“. Und: „Wir gelangten an die Grenzen der Existenz, ins soziale Koma, zum SCHWEIGEN und bauten dort unser letztes Nest. Das war die erste Chance, überleben zu können.“

Shllakus Gedichte spiegeln die Alpträume einer Generation und einer ganzen Nation wider, legen Zeugnis ab vom Kampf um intellektuelles, emotionales und moralisches Überleben. Seine erst 1994 publizierten Gedichte sind nicht während tatsächlicher Inhaftierung entstanden wie die Gedichte der albanischen writers in prison, Lazër Radi (1916-1998), Arshi Pipa (1920-1997), Kasëm Trebeshina (*1926), Daut Gumeni (*1943), der als politischer Gefangener 23 Jahre eingesperrt war, oder Visar Zhiti (1952), der, ohne literarische Dissidenz betrieben zu haben, durch die Willkür der Machthaber acht Jahre lang in einem der menschenunwürdigsten Gefängnisse Albaniens Zwangsarbeit in Kupferminen leistete. Shllaku war kein offener Dissident und jahrelanger politischer Häftling wie der todesmutige Trebeshina. Er hat nicht gesessen wie Kudret Kokoshi (1907-1991) oder Zef Zorba (1920-1993) und viele andere, sein Knast war der tagtägliche Wahnsinn der irrsinnigen Alltagsrealität und pervertierten Normalität einer Geist, Freiheit und Würde tötenden Diktatur.

Er fiel nicht in Ungnade wegen seiner Verse – er schrieb sie vor aller Welt verborgen, weil er schrieb, was man im Totalitarismus nicht schreiben darf: Verse auf die Liebe, zum Beispiel. Seine Gedichte sind keine Beschreibung erlebten Unrechts wie bei Visar Zhiti oder Ferdinand Laholli (*1960), der in der unsäglichen Trostlosigkeit des gleichen südalbanischen Verbannungsortes aufwuchs wie sein Lyrikerkollege Jozef Radi (*1957, Sohn von Lazër Radi). Die Gedichte des Primo Shllaku sind nur ausnahmsweise direkte Anklagen wie das knappe Gedicht „Das perfekte Verbrechen“, sie sind aus Schweigen geborene Seelenbilder, Schattenrisse, in denen sich die Bitternis der Realität im innersten Erleben des Dichters malt.

Shllaku hat seinem ersten Gedichtband einen zweiten folgen lassen, ein dritter Band ist im Entstehen begriffen. Die Literaturkritik in Albanien hat sein Werk bisher, wie er es formuliert, „mit Schweigen bombardiert“. Nicht umsonst findet sich in einem seiner Gedichte die Zeile „Schweigen – die einzige Wissenschaft“. Die hier veröffentlichten Gedichte wurden auf Deutsch erstmalig in der Zeitschrift Akzente (Nr. 3/1997) veröffentlicht.

von Hans-Joachim Lanksch


PRIMO SHLLAKU

EINE WUNDE

Sieh, dies war mein Blut.
Vor einem Augenblick schoß es mir durchs Herz.
Nimm dieses Blut und häng es an deinen Himmel
als Sonne.
Geht es nicht,
nimm es als Mond.
Geht es wieder nicht,
nimm es wie es ist,
als Blut
das vor einigen Augenblicken
durch mein Herz schoß,
und vielleicht sah es dort
im roten Dunkel
deine Augen voll Licht.

1983

TOTENMESSE FÜR MEINE VERSE

Gelebt habt ihr zwischen zwei Feuern.
Das erste – das der Geburt.
Eure Gebärmutter ist erkaltet.
Das zweite – das des Brennens.
Mein Gedächtnis
nimmt euch nicht auf.
Lautlos
entfaltet ihr euch,
Flammen lecken an euch.
Grablos,
steinlos,
unter einem Hügel Asche
liegt ihr.
Auch dieses Lied
sang ich euch,
auch diese Totenklage
um euch,
ihr mir Geborenen, Gestorbenen,
Söhne heißesten Vergessens.
Die Nacht ruft euch als Sterne,
der Tag tötet euch als Sterne.

(Ohne Datum)

ROTES ZIMMER

Hoher Berg
Freier Fall
Tod des Augenblicks.

Lippen sind dort
Ein Berg Fleisch
Das Boot läuft nicht aus
Die Welle ist heiß.

Nenn mich etwas Nahes
Himmel, zum Beispiel.
Ich nenne dich dann Herz.
Etwas Fernes.

Das Blut kehrt wieder
Diesmal bringt es den Stein
Ich werde dich alleinlassen
Rot wird das Zimmer sein.

1985

ETÜDE

1.
Lieb mich fest, Geliebter.
Heute wird mein Körper, vielleicht, leichter sein
und meine Spur tiefer.

2.
Du bist wie der Berg.
Hast deine Winde
Blumen …
Höhlen …

3.
Ein wenig Geduld, Geliebte,
und an meine Tür, die vertrauteste,
wird mein Blut
den Stein dir bringen.

1985

SOMMERLIED

Das Meer schlicht
Die Welle klar
Lebenslang die Bewegung.

Wogende Fläche begieriger Wellen,
wogender Boden wie ewige Jungfräulichkeit,
Schwimmer in der Ferne
Sonne in Abwesenheit
hochstehend,

Wind
etwas Wind
viel Wind
Orkan von Wind auf neugieriger Haut
die es versteht
Steine im Sand zu erkennen.

1985

WUNSCH

Eine Flasche
zwei …
drei …
viele Flaschen
Flaschen mit abgebrochnem Hals
sie drehen
beißen
ohne Steigerung
eins …
zwei …
drei …
ebensoviele rosige Nabel
doch keine kindlichen.
Danach
möcht ich fliegen,
wenn ich kann,
möchte Flügel haben,
nicht wie ein Engel
auch nicht wie ein Vogel,
wie ein freier Mensch
der einfach geht …

1985

FELDER DER NACHT

Auf Feldern der Nacht starkes Zittern,
Schreie,
Gespenster gar.
Der Mond in der Ecke eine altbekannte Scheibe
ist das einzige Gedenken des Tages der kommt.
Unter der Erde
dein kalter Körper
und ich muß alles behalten.
Über der Erde
dein heißer Körper
und ich kann alles vergessen.

Hör zu!
Die Nacht lebt.
Die Nacht ist lebendig.
Wir sind Zeichen.

1985

BERGE

Eine Kiefer am Berg …
Schnee …
Fern …
Nebel …
Ich.
Hier.
Der Tisch
hat oben
Hände,
Hände gegenüberliegend.
Meine.
Zwischen uns
nur eine Glasscheibe
die noch vibrieren kann.
Auch dieses Mal
wird der Maler
nicht sterben.

Razna, 1986

 

AUGEN

(Triptychon)

Dieser Mensch hat Augen voller Jod.
Für ihn bin ich gelb,
gelb,
denn seine Augen sind voller Jod.

Dieser Mensch hat Augen, gesprenkelt wie die der Katze.
Für ihn bin ich eine Maus,
Maus,
denn seine Augen sind gesprenkelt wie die der Katze.

Dieser Mensch hat Augen wie gekochte Eier.
Für ihn habe ich keine Arme,
denn aus gekochten Eiern
schlüpfen keine Küken.

1987

EINE VERLASSENE KIRCHE

Dahinter, der Berg.
Der einsame Baum
ist das Satzzeichen ihres Schweigens.
Die Zikaden sind fort …
Die Kanäle ihrer Lieder sind leer.
Wolken kommen herein.
Der Berg hat ihren Schatten auf der Brust.
Eine Straße die zu mir heraufklettert
und hinuntersteigt wenn ich erst dort oben bin.
Der Himmel beginnt unterm Dach.
Stimmen von Menschen die einst lebten.
Hätte die Stimme ein Knochengerüst
dann hätte dieses Gebäude innen
einen gewaltigen Knochen.
Ein Gefäß …
Das Gefäß umschloß Wasser.
Überall kann jetzt das Wasser sein.
Das Wasser ist erlöst.
Eingehüllt in das leere Laken des Vormittags,
lädt mich das Gebäude ein, auf den Berg zu steigen …

1987

DIE MALE

Im Anfang war das Meer …
Das Meer und später das Ufer.
Jetzt sind es drei:
Meer, Ufer und Melancholie.

Das Wasser war frisch.
Wasserfall ist es jetzt.

Das erste Mal warst du jung,
dein Leben war ungereift:
eine erste Frucht warst du.
Dein Herz eine Knospe
und wir die wir Zeit hatten …

das zweite Mal
war dein Herz aufgegangen.
Düfte brannten …
Dargebracht warst du
opfergleich.

1987

IKS = X*

Er war das Maß unserer Freiheit.
Während er einen anderen Namen hatte,
wählten wir das Schweigen.

1989

PERFEKTES VERBRECHEN

Einem Diktator

Er säte auf den Acker des Lächelns gelben, georgischen Mais.
Verpflanzte Zahncreme und Zahnbürste in den außergesetzlichen Raum.

1992

DER KOPF DES HAHNS

Auf der Wiese der Kopf eines Hahns der krähte.
Das Auge unten
auf einem scharfen Grashalm
stechend wie Worte.
Das Auge oben
zugewandt einem Himmel
schweigensweit.
Sein Blick wie eine rhetorische Frage.
Himmel – die einzige Freiheit.
Schweigen – die einzige Wissenschaft.
Liebe – die einzige Dimension.

1989

MUSSTE MAN UNBEDINGT STERBEN

Der Himmel überm Faß des Kopfes war schwer
Ich sah meine Knie sich beugen.

Der Himmel über meinem Bauch war schwer
Ich hörte meinen Nabel der schrie.

Die Erde über mir war schwer
Ich spürte meine Hände sprießen.

1992

Übersetzung aus dem Albanischen: Hans-Joachim Lanksch

Martin Camaj auf Deutsch

Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj
Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

Martin Camaj (1927-1992) – Synthese von Gegensätzen

1.

Martin Camaj Gegensätzliches und Widersprüchliches durchzieht wie ein roter Faden das Leben und Schaffen Martin Camajs. Das beginnt bereits bei seinem Geburtsjahr, das überall mit 1925 angegeben ist. „Das ist ein Fehler in meinen Papieren. Ich bin 1927 geboren“, sagte Camaj.

Schon früh mußte er weitaus gravierendere Gegensätze verkraften. Er wuchs in einer ablegenen Bergregion Nordalbaniens auf, deren Leben durch archaische Formen bestimmt war. Die geistige Kost in dieser Bergwelt war geprägt von ihrer Schriftlosigkeit. Was gesungen und erzählt wurde, stammte aus mündlichen Überlieferungen. Diese oralen Traditionen waren gekennzeichnet durch Verzicht auf gedächtnisbelastenden Ballast, formelhaft zusammenraffende Wiedergabe sich wiederholender Inhalte und durch bildhafte Darstellung, man dachte und sprach in Bildern.

Um ein wenig die Welt zu veranschaulichen, in der Martin Camaj seine Kindheit verbrachte, sei hier eine Begebenheit berichtet, die er selbst erzählt hat: Die Dorfbewohner glaubten, die Seelen der Verstorbenen als Schatten durch die Luft fliegen zu sehen. – Das Wort ‚Schatten‘ wird uns in Camajs Gedichten des öfteren begegnen. – Der Ortsgeistliche, ein Pater Pepa, hatte im fernen Graz Theologie studiert. Er hatte bereits viele lange Jahre hindurch seinen Dienst unter den Bergbewohnern versehen, als ihn der kleine Camaj fragte, was er denn von der Sache mit den Schatten halte. Der Theologe antwortete: „Inzwischen sehe ich sie schon selber.“

Aus dieser Welt kam Martin Camaj in eine für ihn ganz andere und zunächst fremde Welt am italienischen Jesuiten-Gymnasium in Shkodra. Aus der Welt der Bilder kam er in die Welt der Bildung, aus dem kleinen Dorf Temal in das urbane Ambiente von Shkodra, vom Berg in die Ebene. Dazwischen lagen für ihn Welten: Das Leben oben stand im Zeichen der Hirtenkultur, das Leben unten im Zeichen des Handwerks und des Ackerbaus. Martin Camaj charakterisierte später im Gespräch die beiden Bereiche damit, daß man sich in der rauhen Bergwelt in Wolle kleidete, unten im Tal in Leinengewänder. Auf den sensiblen Camaj hat das unterschiedliche Empfinden dessen, was man auf der Haut trug, lebenslang einen nachhaltigen Eindruck gemacht. Aus den beiden Sphären, in denen Martin Camaj seine Kindheit und Jugend verbrachte, hat er sich einerseits die Verträumtheit des Hirtenbuben und dessen Fähigkeit bewahrt, hinter der äußeren Erscheinung der Dinge in der kargen Bergwelt eine tiefere und weitere Dimension zu sehen.

Ibrahim Rugova - Martin Camaj - Magisteratarbeit, Dardan DobraIbrahim Rugova – Martin Camaj – Magisteratarbeit, Dardan Dobra

In gleichem Maß hat er sich – neben gründlicher Bildung, Disziplin und analytischem Denken – die Klarheit im Geistigen bewahrt, die ihm durch jesuitische Spiritualität vermittelt worden war. Beides, träumerische Hellsichtigkeit und geistige Klarheit, läßt sich subsummieren unter dem Begriff der In-spiration und bildet einen Nährboden für den künftigen Dichter Camaj. Dieser Nährboden wurde, um im Bild zu bleiben, gedüngt einerseits mit den Inhalten und Formen des Schatzes mündlicher Überlieferungen, die der kleine Camaj in sich aufgesogen hatte, und andererseits mit der umfassenden literarischen Bildung, die er sich bei den Jesuiten in Shkodra angeeignet hatte und sich auf weiteren Stationen seines Lebensweges noch aneignen sollte.

Martin Camaj floh Ende der vierziger Jahre vor dem neuen Regime. In Jugoslawiens Hauptstadt Belgrad studierte er romanische, slawische und albanische Sprach- und Literaturwissenschaft – wiederum in einer fremden Welt, noch dazu in einer fremden Sprache. Nach dem Studienabschluß ging er 1956 mit Hilfe seiner ehemaligen italienischen Lehrer nach Italien. In der Metropole Rom absolvierte er ein weiteres Philologiestudium. Hier hatte er zahlreiche Kontakte zu anderen exilierten Autoren und lernte durch sie und als Chefredakteur einer Literaturzeitschrift den Literaturbetrieb von innen und vor allem die europäischen Gegenwartsliteraturen und die Literatur der europäischen Moderne kennen; besonders beeindruckt war er von T. S. Eliot, Juan Ramón Jiménez und Salvatore Quasimodo.

Camaj distanzierte sich von der Bukolik seiner beiden in Jugoslawien erschienenen Erstlingswerke und vollzog in den beiden in Rom publizierten Bänden den Übergang zum freien Vers. Seine wissenschaftliche Laufbahn fand ihre Endstation in der Professur für Albanologie an der Universität in München, wo er seit 1961 Albanisch unterrichtete. Je mehr hier sein literarisches Hauptwerk heranwuchs – in erster Linie fünf Bände Lyrik und drei Bände Prosa – umso wortkarger wurden seine Gedichte.

2.

Die Publikationsgeschichte Camajs in Deutschland ist ein Trauerspiel, das wir hier lieber übergehen wollen. Nur soviel sei angedeutet: Wann und wo immer hierzulande das Stichwort „albanische Literatur“ fällt, fällt unweigerlich ein Name: Ismail Kadare – und dann verließen sie ihn…

Martin Camaj ist in Albanien noch ein bekannter Unbekannter. In der Zeit der Diktatur war er de facto verboten.

Camajs Literatur war unpolitisch und war gerade dadurch ein Politikum. Der albanische Diktator Enver Hoxha und seine Schranzen hatten die Literatur ideologisiert als „eine mächtige Waffe in den Händen der Partei zur Erziehung der werktätigen Massen im Geist des Sozialismus und Kommunismus.“ Die Politisierung der Literatur ging so weit, daß man ihr eine „marxistisch-leninistische Ästhetik“ überstülpte, in der es nur „Typisches“ gab und nach der das Kollektive alles und das Individuelle nichts galt. Martin Camaj mußte den Herrschenden in Albanien nicht nur dadurch ein Dorn im Auge sein, daß er subjektive Gefühle und individuelle Gedanken artikulierte, sondern auch dadurch, daß man ihn nicht einmal als Vorzeigefeind benutzen konnte. Er schrieb keine antikommunistischen Ergüsse wie viele andere in der Emigration. Camaj sagte von sich: „Ich bin kein Mensch der Politik. Ich bin ein politischer Mensch.“ So einen schweigt man lieber tot.

Der Name Martin Camaj wurde in Albanien erst nach dem offiziellen Ende der Periode des „Sozialistischen Realismus“ allgemein bekannt. Man nahm verwundert zur Kenntnis, daß es fern des Mutterlandes einen bis dato unbekannten Albaner gab, der hochkarätige Literatur schrieb und ein überaus würdiger Träger albanischer Kultur war. Der Name Camaj hatte, zumindest in Nordalbanien, bald Kultstatus. Man trug ihn wie eine Ikone vor sich her, ohne jedoch sein Werk wirklich zu kennen.

Nach der fünfzigjährigen Zäsur des literaturfeindlichen „Sozialistischen Realismus“ war Camajs Werk für die albanischen Leser in seinem hohen Grad an Verdichtung und Abstraktion schwer zugänglich. Zu der anspruchsvollen Textur von Camajs Werken, die immer auch Kompositionen von Bildern und Klängen sind, kommen Schwierigkeiten, Camajs Sprache zu ergründen, ein moderat nordalbanisches Idiom, das seit den siebziger Jahren in Albanien aus der Literatur und dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt worden war.

Das Ungewöhnlichste für den albanischen Leser waren wohl zwei Phänomene. Martin Camaj – als Privatperson ein origineller Verächter spießbürgerlicher Konventionen – verabscheute große Worte. So fehlen in seinen Werken drei Elemente, die in Enver Hoxhas Reich und dessen Literatur durchaus kultiviert wurden: Pathetik, vaterländisches Gesülze und die Glorifizierung albanischen Heldentums. Camaj hätte hier sicher dem Wort einer mutigen albanischen Autorin von heute zugestimmt, Elvira Dones: „Albanien braucht keine Schriftsteller, die ihm sagen, wie großartig es ist.“

Das zweite ungewohnte Phänomen war, daß ein bedeutender albanischer Autor die albano-zentrische Sichtweise hinter sich ließ. Camajs Literatur behandelte nicht die „Tragödie der Geschichte des albanischen Volkes“, wie es als Hauptgegenstand albanischer Literatur zu postulieren Ismail Kadare nicht müde wird. Statt um kollektive albanische Belange zu kreisen, hatte Camajs Literatur persönliches Erleben und universale Themen zum Gegenstand. Hier treffen die Worte eines anderen albanischen Nichtkonformisten zu, Kasëm Trebeshina: „Ich denke, daß Literatur eine Reise zum Unbekannten ist, um die Innenwelt des Menschen zu entdecken.“

In der albanischen Literatur war Camaj nicht nur thematisch sondern auch stilistisch ein auf Traditionen aufbauender, Konventionen verwerfender Neuerer. Aus der Schule des Shkodranischen Literaturkreises stammend hat er oberflächlich Archaisierendes und Idyllisierendes rasch überwunden und hat, mit antiker griechischer und lateinischer Literatur, mit Dante ebenso wie mit Montale, Milosz und Alberti vertraut, moderne Lyrik geschrieben. Er hat im Leben wie in der Kunst, was er übrigens nicht voneinander trennte, stets eine Synthese zwischen gegensätzlichen Polen angestrebt: zwischen Archaik und Moderne, zwischen Berg und Tal, Form und Inhalt, zwischen Kunst und Wissenschaft, Lyrik und Prosa, Heimat und Fremde, Nähe und Distanz, Einsamkeit und Gemeinschaft, zwischen männlich und weiblich, zwischen Nord und Süd, warm und kalt, Licht und Dunkel usw. In der Literatur hat er dabei erreicht, wofür er sein Leben lang gekämpft hat: Harmonie.

von Hans-Joachim Lanksch


MARTIN CAMAJ

DEM TOTEN DICHTER

Du warst kurzatmig
denn der Stein am Berg spürte nicht
das Gewicht deiner Verse.
Deinen Namen vergaßen die Mädchen
und der Schatten deiner Verse
trübt nur die Augen reifer Frauen
die träumen von vergangener Jugend.
Deine Freunde, die Dichter, sagen
beschäftigt hättest du dich nur
mit der Farbe der Dinge.
So lebst du auch fort.

 

DICHTUNG

Ein abstraktes Wort, klingend
es wandert über Wünsche in Gesichtern
und Gefühle die untergingen
in Wassern aus Farben.
In reinem Glas erblaßt es
und der Schmetterling
beginnt den Flug kurvenreich
wie eh und je
durch Schatten aus Licht.
Gold ist
nur im Bauch eines Egels
der einst Blut trank.

 

MEIN VERS

Mein Vers war keine Tragödie
am Anfang nicht am Ende nicht.
Er war ein wollener Faden
gesponnen unter den Kuppen
von Frauenfingern
und riß ab bei der Verwundung
des Herzens,
eine hauchfeine Verwundung.
Ein Stengel mit einer Blüte obenauf
ohne Frucht
das wäre
eine Schlange.

 

SCHENKT MIR ETWAS

Schenkt mir was mir behagt
wie der erste Kuß meiner Mutter auf die Stirn;
bereitet mir Freude
wie junges Laub in der Brise sich freut,
schaut mich an wie der Mond durch die Zweige
und alles schenk ich euch dann:
Gevatterin Tod werde ich küssen auf eisstarre Lippen
und in die Höhlen ihres Augs
Tränen dann gießen.
Tritt näher, Mensch!
Aus dem Mark des Hasses möcht ich heraus
wie die Pflanze aus der Saat im Frühling.

 

ZWEI SACHEN SAGTEN MIR DIE ELTERN

Zwei Sachen sagten mir die Eltern solang sie lebten:
Trittst du aus Versehen auf Brot,
Heb’s auf vom Boden, küß es und leg’s auf die Stirn!
Gehorch‘, Junge, denn wir sind alt.
Wenn du an der Feuerstelle sitzt und rauchst
Spuck‘ nicht ins Feuer,
Spuck‘ nicht ins Licht, denn das ist schlecht!
Vieles vergaß ich was die Eltern mir sagten
Andres lernt ich viel und wurde vielleicht ein Schecke;
Doch meinen Söhnen werd ich sagen wenn sie wachsen:
Tretet nicht auf Brot,
Spuckt nicht ins Feuer,
Spuckt nicht ins Licht.

 

ZWEITE ELEGIE

Auf flachem Hügel in weißer Felswelt
der Leithammel kaut und kaut, allein
mutterseelenallein.
Zwei Augen – winzige Spiegel am offnen Feuer –
gebrochen vor winterstarrem Frost
und mein Gesicht werd ich nie mehr sehn.
Mond bricht sich durch Wolken die Bahn allein.
Hinter Wolken der Schatten und hinter erloschnen Sonnen
zieht allein mein Schmerz mit ihm einher.

 

DIE OLEANDER

Tausend Oleander weiß und rot
grüßen das Weiß des Lichtes
und die Weitherzigkeit des stillen Meers.
Der Flug der Schwalben ruft mich
und ich breche auf.
Ein Oleander breitet die rechte Seite aus
als Kopfkissen für die Wangen.
Ich habe Stahl und Feuerstein bei mir
und zwei Kienspane bereit für das Dunkel der Nacht.
Ich breche auf.
Der Flügel der Schwalbe im Vorüberfliegen
kaum berührend küßt die Oleander mit Lippen
die den Geschmack von Schatten in der Hitze haben.
Der Sinn des Endes verfolgt mich.

 

UNTERFÜHRUNG

Er kam ungerufen
wer weiß woher.
Nachts umfaßte ihn der Tunnel
mit vier Wandarmen
zu beiden Seiten, einer unten
und einer oben,
vierfach beleuchtet
hell entflammt
Zwei Füße und ein Schritt
ohne Schatten neben sich
begleiten ihn unter Tage
durch den Fels,
von Stadt zu Stadt.

 

ERINNERUNG

Vor dem Sturz der Engel
in Finsternis
schlief ich mit dir
unter der Decke des Wassers im Meer.
Die Erinnerung an dich ist geblieben,
ein trockenes Blatt am Zweig.
Es reicht ein Bienenflug
darüber hinweg
und es fällt zu Boden
zwischen tausend andere Blätter Laub.

 

Photo von Anila Milani

L U L E (Blume)

I
Heute abend sagte man mir daß ein Mensch starb
darum bin ich traurig, Lule.
Die Liebe ist die einzige steinerne Stütze
wenn jenseits des Zaunes
die Pfeile des Eises fliegen.
Zwei Herzen leiten die Blitze mehr
als zwei Schwerter Rücken an Rücken
die Schneiden nach außen.
Der Gedanke an das Ende, Lule
flieht, wenn du da bist, wie ein wilder Vogel
dorthin, woher das Dunkel kommt.

II
Das Schwarz deiner Augen möchte ich nicht
auf schmalen Stegen treffen.
Die Flamme des Auges will ich auf dem Feld
und dein Apfelherz
auf einem Ast ausgelegt, in der Höhe
eines Armes über der Erde.
Sei stumm in der Dämmerung,
der freundlichen, auf dem Feld
und vor weitherzigem Wind
der jede Grasspitze umarmt.
Lule, zieh das bleiche Gewebe vom Mond
und breite es aus auf der Erde.

III
Deine Augen – Samtblumen – kennen keinen
Frieden. Bring nicht den Wind des Nordens mit
sondern Feuer, daß wir zusammen es erhalten
in dieser langen Nacht.
Lule, die Liebe
weilt hier solange der Mond
im Angesicht unsrer Feuer steht
und bis das Licht des Morgenrots
die letzte Glut verzehrt!

IV
Du bist in meinem Herzen
und ich kann mit keinem Laut sprechen
um die Stille des Fühlens nicht zu zerstören.
Deine Stimme erkenne ich unter den Klängen
von tausend Wasserstrahlen.
Die violette Blume die aufblüht
hat zartbenetzte und schimmernde Blättchen.
So auch deine morgendlichen Lippen.
Du hast hinter den Brauen den Schatten des Sterns
der nur eine Seite entschleiert
und meine Hoffnung, mit der Gestalt deines Schattenbildes
in den Händen, leidet in Schmerzen,
tödlich vielleicht.

V
Mein Fühlen fließt und verliert sich
in deinem bitteren Lächeln.
Tausend Stimmen springen auf
– Schwerter reifer Lilien –
wenn du den Wünschen drinnen
nein sagst. Dann kommt der Regen
und die Spitzen der Lilien werden sanft.
Zwischen die schwarzen Haare und die Brauen
hefte ich den Blick
um den Faden des einzigen Gedichts
meines glutheißen Alters zu finden.

VI
Abgesplittert bin ich, Lule
und ziehe von Ort zu Ort
in Stürmen kalter Nordwinde, gehetzt.
Wenn ich Halt mache, blicke ich in mich
und sehe dein Gesicht und vor dir
Wege von Oleandern gesäumt.
Drei Schritte dahinter
erstreckt sich verbrannte Erde
mit Steinen und Felsen ins Endlose.
Komm wieder am Morgen
in der Zeit des Liedes das gesättigt ist
im Anbruch des Tages.
Wenn du kommst, keimen über verbrannten Ähren
aus Wurzeln neue Triebe.

VII
In der Zeit des Liedes
das der Steinkauz singt
fiel das Licht aus dem Auge eines Sterns
wie ein Meteor auf mich
und beschien dein Gesicht:
es war die Verdammnis des Nachtgeborenen!
Bin Reiter auf schmalen Steigen,
berühre nie wieder
das Morgenrot deiner Haare.
Ich wandere mit den Schatten der späten Nacht
und sehe deine Finger
das weiße Blatt eines Lebens
schließen.

 

WEIT FORT

Wie Zischen des Windes zwischen den Weiden
die satt sind vom Wasser der Bäche
höre ich, vor Zeiten, Verwünschungen
wie sie dem Teufel Leib und Seele vermachen
schauerliche Schwüre
beim Stein, Himmel und der Erde.
Ich bin weit fort von denen die reden wie ich
so weit wie der Mond der von Strahl zu Strahl fällt
und aus Steintrögen Milch trinkt
die draußen steht.
Der Steinkauz im Morgengrauen
und der Stein im Wasser schluckt den Klang
der Verdammung: im Morgengrauen
segnet der Mensch die Sonne wie ich!

 

FORM

Gewand gewebt von einer Hand
von Kopf bis Fuß
Form
eine Freude für Auge und Ohr
Form Einfachheit
entstanden in steiniger Mühe
erfahren auf Pfaden die
kein Fuß kein Huf betrat.
Federleicht scheinend
gewichtig wie Eisen
Klang oder Farbe
lichtklar.

 

VERLORENER FADEN

Vergangene Nacht verlöschten die Lichter und finster
lag die Stadt bis der Tag graute.
Die Frauen suchten Öl und Dochte
und fanden sie nicht im Finstern.
Am Morgen versank die Sonne und blaß
wurden die Flächen der Wolkenkratzer.
Am Morgen besah ich den Kreis der Träume
am Boden
und fand den verlorenen Faden
dort wo das Licht abriß.

 

IN DER SCHATTENTIEFE DER DINGE

In der Schattentiefe der Dinge wo ich heut nachmittag ruhte
gedankenverloren Grashalme zupfte
singen Zikaden der Nacht.
Am Herdfeuer höre ich
Hülsen
des Ginsters
zerspringen in meiner Brust.

 

VENUS, STERN DER SOMMERNACHT

Geboren an einem Streifen Fels
mit drei Ölbäumen:
stiegst von dort herab und kamst
unter die Menschen
an der Lippe der unendlichen Wasser.
Die Sommernacht in solcher Schönheit
wie du
streichelt den Schatten der Stirn
zugewandt dem Meer ohne Licht.

 

SEHNEN LEBENSLANG

Ein Verlangen: die Liebe geschlossener Augen
zwei durchsichtige Äpfel
Kerne aus Feuer darin.
Das festverwurzelte Herz
langt nach ewigem Sehnen
und Regentropfen fallen
auf nimmersatten Karst.

 

DIE SCHWALBE

Schwarze Flügel
inmitten von Schneeflocken
in den Alpen
die Schwalbe
auf verspätetem Zug
gen Süden.
Mit Flügeln wie Laub
des Spätherbstes kämpft sie
gegen wirbelnde Winde an
dem höchsten Paß entgegen.
Jeder hat zwei Wege vor sich
und einen nur die Schwalbe:
weiß werden.

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

Ledia Dushi auf Deutsch

Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj

Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

LEDIA DUSHI (1978)

KEIN WALD FÜR DIE BESTIE DER BESCHWICHTUNG…
Ledia Dushi Ledia Dushi wurde 1978 in Shkodër geboren. Sie studierte an der dortigen Universität und hat 1997 und 1999 je einen Lyrikband veröffentlicht. Sie schreibt auch Prosa, Essayistik und Literaturkritik. Im Dezember 1998 wurde ihr vom Kulturministerium der Republik Albanien der hochangesehene „Literaturpreis“ für das beste Erstlingswerk des Jahres 1997 verliehen. Die Verleihung dieses Preises löste eine heftige Debatte aus, da Ledia Dushi in der literatursprachlichen Version des nordalbanischen Idioms schreibt und nicht in der 1972 dekretierten Form der „vereinheitlichten“ offiziellen Standardsprache, die zu ungefähr 80 Prozent aus dem Idiom des albanischen Südens besteht.

Zum vehementesten Gegner der Verleihung dieses nationalen Literaturpreises für ein Werk, das ausserhalb der Normen der offiziellen Standardsprache geschrieben wurde, machte sich Dritëro Agolli, Staatsdichter unter Enver Hoxha. Er würzte Mutmassungen, es handle sich um einen „Kampf gegen die vereinheitlichte Schriftsprache“, mit dem die nationale Einheit der Albaner zerschlagen und Albanien geteilt werden solle, mit Formulierungen wie: „Hier zeigt sich am offensten das reaktionäre und primitive Denken dieses Grüppchens, das einmal in der modernen Extravaganz europäischer Casinos auftritt und das nächste Mal in Bocks- und Hammelfell gekleidet aus den Höhlen der albanischen Berge hervorkommt.“

Ledia Dushis Lyrik weicht erheblich von dem ab, was man in der alljährlichen Flut von Lyrikbänden in Albanien in den letzten Jahren zu lesen bekam. Während der überwiegende Teil der Lyrik jüngerer und junger Autorinnen und Autoren formal und stilistisch im Rahmen braver Konventionen verharrt, ein kleinerer Teil sich mehr oder weniger gewollt um ein „avantgardistisches“ Outfit der Texte bemüht oder um jeden Preis „mutig“ sein will, sind Texte, die – wie die von Ledia Dushi und einer kleinen Zahl anderer Autoren – einen frischen Wind unverkrampft in die albanische Lyrik einbringen, eine Ausnahmeerscheinung. Ledia Dushi schreibt Gedichte fern von oberflächlicher Metaphorik, ausgelutschten rhetorischen Figuren, leierndem Rhythmus und sonstigen abgestandenen „dichterischen Mitteln“, ohne in krampfhafte Originalitätssuche zu verfallen.

Mit subtiler und sensibler Feder schickt sie den Leser auf eine Reise in die inneren Bezirke seines Bewußtseins, in sein Reich der Assoziationen, Visionen und Emotionen. Es gelingt ihr, in einem traditionsreichen literarischen Idiom genuin moderne Lyrik zu schreiben, ohne modisch zu werden oder in traditionellen Mustern stecken zu bleiben. Jeder Leser, der die Bücher des albanischen Jahrhundertdichters Martin Camaj (1925-1992) kennt und liebt, wird sich in Ledia Dushis Lyrik sofort heimisch fühlen. Auch Martin Camaj hat in seinem als „rückständig“ und „rural“ verschrieenen nordalbanischen Idiom moderne Lyrik geschrieben, albanische „hermetische“ Lyrik vom Rang eines Quasimodo oder Ungaretti.

Ledia Dushis Lyrik hat der ungekünstelten, konzis verknappten Lyrik Martin Camajs, seiner lakonisch-tiefen und vielschichtig-substanzreichen dichterischen Welt durchaus einiges zu verdanken, spricht jedoch mit einer eigenen, ursprünglichen Stimme, die im Lauf ihrer individuellen Entwicklung sicher noch unverwechselbarer werden wird. Bereits von ihrem ersten zum zweiten Buch hat sich ein deutlicher Entwicklungsschritt vollzogen. Die hier abgedruckten Texte „Nach… mittags“, „Das Leben wurde eine Sichel“, „Der Berg“ und „Traum“ sind dem ersten, die Gedichte „Herz im Aquarium“, „Mein Alter“, „Stilleben“, „Verändert“ und „Grünes Wasser“ sind dem zweiten Buch entnommen. Der Leser wird an diesen Texten unschwer erkennen, dass die Textur der späteren Gedichte von einer grösseren Ökonomie der Worte und einem ausgeprägteren Hang zur Einfachheit – dem Geheimnis der Meisterschaft – als die früheren Gedichte gekennzeichnet ist.

von Hans-Joachim Lanksch

Ledia Dushi

Nach… Mittags

Nach… mittags
wenn die Späne der Geräusche
einsam zurückbleiben
im Wald
der täglich loht,
schwanke ich über Wiegen
deren Kanten
ich nicht kenne.
Weit fort von den Fundamenten
an denen ein Scheiterhaufen
aufgeschichtet war,
wurde das Feuer
mit Eis durchschüttelt
damit nicht alles verbrenne;
doch stark
innen stark
loderte es auf…
niemand verstand es…
Um Mitternacht
wenn mein Hirn
Wildhirn röstet
streicht jemand mit den Fingern
sanft
über den Mond…
Dann
schwinde ich,
kauere mich
in meine Rippen
und beginne
den Tod der Wunden zu meisseln.

Das Leben wurde eine Sichel

Das rindige Blau des Raums
zittert
auf verschorften Zweigen
in Gedanken
an Blätter des April…
Das Schlittern des Schnees
sternverwandelt
auf kummervoller Lippe
des Baums
mit seinem Tau-Hals.
Das Leben
wurde eine Sichel
in deinem Atem…
Ich habe das Mass der Worte gefunden
das gesagt wird
um das Herz
zu mähen.

Der Berg

… ist der Berg
traumhafte Realität,
erinnert mich
an das Verschwinden des Pferdes,
den Tod des verrückten Mädchens…
In meinem Herzen
wurde ein Vogel ermordet;
ich weinte und lachte,
die Träne segelte als Drachen
bis zu den Sternen…
Sooft ich laubig pfeife
schiesst ein Nussbach
aus meinen Schultern;
das Herz
mit sirenenhaften Empfindungen
schwankt hin und her…
In einer Rose,
novembergeboren,
bebt Tag für Tag
das geschenkte Leben des Vogels.

Traum

Der Traum traf vor mir ein
verknüpfte
die Knochen des Bettes
und lachte
höhnisch
über meine Träne…
Es wurde Nacht
auch überm Wald,
die Tiere begannen
einander zu küssen…
Das Herz wurde ausgeschüttelt
über erkalteten Blättern,
in der Höhle
brüteten Kanarienvögel,
erkrankte Gewächse des Dunkels…
Ich bleibe,
nur ich;
in wächsernen Türmen
Kinder
sie schnitzen Schlaf in Bäume…
Schon lange
ergiesst sich die Wolke
und kleidet mich nicht;
der Traum ist das Leben…

Herz im Aquarium

Ich habe keinen Wald
zum freien Lauf
für die Bestie
der Beschwichtigung …

Das Herz
steckt im Aquarium,
zwischen greisen Blättern
Wasser …

Ein Wind …

Ich spüre
den Flug der Dinge
auf der Flucht.

Mein Alter

Das Alter der Einsamkeit
Jahr um Jahr …

Das Haus
aus
Wurzeln
und Strahlen …

Ich rufe
die einsamkeit
nie
beim Namen …

Ich rieche
den verflogenen Duft
der Abwesenheit.

Stilleben

Der Brunnen im Hof
Blut darin …

Ich und der Regen
sind allein,
verriegelt
im Selbst …
wir gehen …

Blumen
haben keine Feiertage,
der Regenbogen
versteckt
in Schachteln …

Das Stilleben:
Kinder
bauchrissig
und die Gesichter des Monds
auf der Erde.

Verändert

Gerade
kommt die Zeit
um uns zu sehen
in den Schatten des
Freiwerdens
gehüllt …

Bin ein Wesen …
mag Dinge
die ich nicht hab …

Nichts
ist
näher,
ferner
als die Erde …

Ich gab
die Früchte
Würmern,
die Lilien
den Larven …

Vielleicht
hat sich
mein Herz verformt …
(und ich weiss es nicht)

Grünes Wasser

Wenn ich wachse
werde ich
klein sein …

Grünes Wasser:
das zarteste Gras
auf der Welt,
eine Wiese
gehender
Fische …

Am Himmel
gehört mir
nichts,
nichts auf der Erde;
im Kopf fühle ich
das Geräusch von Lämmern
auf Stein,
Farben
geklebt
in Augenfrüchte.

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

Gazmend Krasniqi auf Deutsch

Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj
Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

GAZMEND KRASNIQI (1963)

Gazmend Krasniqi Spiel

Verlassen alles von Gott
der verborgen vor uns schmeichelt
ein Kinderspiel im Sand,
wird mein Leben eine Sphäre Geheimnisse

Verlassen von uns, über unsern Köpfen,
schlagen die Engel reihenweise mit den Flügeln,
und Tränen fließen aus ihren Augen
sei es auch, zumindest, vor Lachen

Verlassen von jeder Herzensebbe,
einst gezähmt von meiner Stimme,
zeichne ich immerfort Schweigen
zu majestätischer Elegie zerbröckelt es

das Klagen macht mich zum Mann
Vater, sag mir wann du stirbst
zum Jungen macht mich die leere Welt
Mutter, sag mir wann du stirbst

 

Notizen über die Realität des Selbst

Die Seele im Dorngestrüpp des Luftschöpfens
und Wolken und Vögel am Himmel gestickt:
Mögliches unterworfen, Nostalgien aufgebrochen

In einer Welt voll Wüsten ohne Geschmack von Fluchten:
stärker denn weit fort innen rauschend –
immer und kein Grabstein bleibt aus,

die Strümpfe von der Mutter für den Winter aufgespart,
trübselige Musik des schnellen Fliehens
bevölkernd, kleinsten Gram dividierend

Wieder Einsamkeit, Brot, Wasser – der Mensch
der lange hocken muß und grübeln
über das unbekannte Alles

Über die Bejahung des Lebens selbst
– der Blitz zuckt und würdigt im Zimmer
die Geheimnisse der Welt: Beweise
erbracht von Ruhe, schwerer als alles

 

Der Garten des I. Kant

Im kleinen Garten Ehrungen von Wassern und Muschel.
Niemandem konnte ich die Zeitverluste anvertrauen:
ein schmaler Graben im Kiesufer des Herzens

scheint die Toten zu rufen daß sie aufwachen.
Die Lebenden sind weiter fort. Nichts füllt den Abgrund:
Worte die uns ein klein wenig ähneln werden Abend

Ohne Möwenflügel. Ausgedachte Sterne,
in Wahnhemden, sprechen mit Schächten, Zisternen,
bereit den Wahnsinn selbst zu streifen

Bis sie in Kreisen scheuen Schreiens verschwinden.
Und wollen doch nichts als daß man sich ihrer erinnert.
Und wollen doch nichts als etwas Achtung zu finden.

Dieses Geheime das ihnen mehr Schatten spendet
wird mir nun zum einzigen Gespräch. Besonders
hiervon möchte ich immer berichten

Während ich hier wirbele, während ich denke
daß vielleicht hiervon hierzulande der Dreisprung
träumt, der stumme Garten – selbst

Die Freiheit des Denkens: wieder der einzige Schatz
der deklariert wird mit all diesem
Rennen von Planeten und den Bürgerpflichten.

 

ars poetica

Beim armen Vogel auf einem Lager aus Laub
der den klammen Garten mit Klagen bekümmerte –
so lange schon der Geist des Herbstes
mit klagendem Rauschen des Regens

fordert er von der verlorenen Glocke der Sonne
die Kirche der Messe drinnen im Herzen
des toten Vogels. In sein beharrliches
Erinnern – das feurige, leidenschaftliche,

das luftige, archaische – fällt der Geschmack
der Frucht: wo die Leben einen skandalösen
Baum von Tragödien abwägen und erwägen: er fällt
von niemanden zu jedermann. Das ist der Tod

des Autors am Strickwerk des Textes. Die Kunst
bringt keine Nichtkunst um: wenn du magst, kannst du fragen
wieviel Kaffee, wieviel Schachteln Zigaretten. Die Kunst
lebt von der Nichtkunst. Es sei denn wir wären

Zu sehr bei uns selbst, bei den Dingen
zu sehr bei der Hand die schreibt,
es reichen ein paar Zeilen wie „nimm
eine süße Träne“ oder „der Herbst verging“.

Ebenso wenig reicht daß jemand
heut abend das Haus bei diesen Klängen hat
und beflissen für euch den Schleier
des Gewöhnlichen hebt: die Glocke

die in der Kirche schwingt, in der Illusionen
zerstört werden, um der Welt die Kunde zu bringen
daß der Autor davonkommt
wenn er stirbt.

 

Voltaire lesen

Wenn sich, wie ein Alarm, der Tag
dem Untergang öffnet (weder Traum
noch Amulett jemals

etwas nützen), Totenreigen tötet,
intime Nostalgie und jede Schlaflosigkeit
ein rankes Mädchen Tanusha erschießt.

Dieser Brief erklärt alles und nie
wird er abgeschickt – mehr Qual
als Dunkel, verborgener Rauch quillt

und deutet mit dem Finger
auf seine alte Schrift, besonders selbstsicher,
als läg sie ihnen am Herzen,

und wie um einige Achtlosigkeiten
zu verhöhnen, und nimmt einen Himmel
von Treubrüchen entgegen: in den Blättern

steckt Schlafen für erloschene Seelen?
Opfer des Fadens der erscheint und verschwindet
sah ich Alpträume der Erde mit dem Denken
des Lebens daß sie sich eine Vermutung anzögen
wir würden das Bewußtsein ausbreiten.

Ich sah daß zyklischer Regen alles
wegputzte – da spritzte Blut
von Opfern auf, der Blutsturz des Lichtes
sagte: auch das geringste Ding gehört
niemandem. Auch jedes Atom
der späten Stille, auch die Stimmen
die näherkommen und dann verzichten.

Ob wir wollen oder nicht, wir sind
die wir sind. Fertige Palimpseste,
aus Pergament, so groß
daß sie all die möglichen Sachen nehmen.

Wo Wunder einhertappen, Visionen und Fetische.
Wo auch Mutter Sonne keine Kosmetik
spart, so ohne Augen und Hände

Morgen und Abenddämmrung erkennt. Die Sterne –
die sie auch mit nur etwas von ihrem Blut
nicht nähren, da sie die Mythen wie Harlekine
begleiten werden: einst war es leicht
auf Götzen zu zielen und sie umzustürzen.

 

Des Dichters Palimpsest

1.
Von nirgendwoher und ungerufen

2.
Die Menschheit zieht sich kurz in die gewaltsamen Akte
ihres Säuglingsalters zurück

3.
Diagnostiziert wird emotionales Fieber.

4.
Legt ihm die Muse eine Leier in die Hand, stockt der Lauf des Flusses,
werden Bestien zahm, neigen sich die Bäume und die Steine rutschen
Jenseits der Geschichte, jenseits des Ersinnens
Oder, wie er selber sagt, „wie großartig ist all dies, wenngleich
nicht wahr“

5.
Außer wenn er Gefühle weckt, Leidenschaften, warum sonst
zerren sie den Armen aus dem Land,
so obdachlos, so verwurzelt
im Reich der Ideen
in Gedanken an die Freiheit,
denn wer seinen Traum erzählt
muß ganz ausgeschlafen sein

6.
Die Worte „oft sagt er Schönes, doch ohne zu wissen, was er tut“
– wie ein Regenguß aus Schutzengeln

7.
Geht es ein in Maß, Glanz, Harmonie
dann heißt dieses süße Gift: Ausstrahlen göttlichen Seins

8.
Und dennoch, treten seine Füße auf Boden,
so sieht er daß ihm die Engel Wege eröffnen,
betrachtet er Häuser, Wohnblöcke, Städte
betrachtet er Künste und Wissenschaften,
so denkt er, wie sehr der Mensch verhaftet ist, so ist er
doch ihr Herr ist der Herr auf Erden
die Krone aller lebenden Dinge

9.
Der Dichter spielt, denkt, träumt:
Gott soll seine Scherze anschauen –
wenn er Sachen besser macht als die Natur
wenn er neue Sachen macht, die sie nicht kennt

10.
Das Wachsen der Dinge allerdings ist wahr. Allerdings
ist der Ozean ein Ozean, die Alpen sind Alpen,
allerdings ist der Orkan ein Orkan

11.
Ebenso wahr ist auch ihr Rufen, sie umzubenennen

12.
Und dann fühlt er sich fünftausendjährig

13.
Er schaut was er war, er ist nur ein alter Schatten
Wie der Vogel der ähneln wollte der allein
sang auf dem höchsten Zweig

14.
Er sieht zu, der Sonne die goldne Scheibe abzuziehen
um zu finden was dort leuchtet: wahrer Ruhm

15.
nur Er ist er

16.
Er sieht daß du Du selbst sein mußt, jedem geben mußt was er verdient

17.
Du mußt der Einzige sein

18.
Er ist der, der im Feld sitzt, an der Blume zu riechen die erblühte
bei Tagesanbruch

19.
Er ist der, der nur deswegen weinen muß

 

Jenseits der Geschichte

Wortblut im Kopf
wie Ängstlichkeit von Lichtern, wie ein Himmelsfluß,
die Seele leer – ein Kreis
der nur seinen Mittelpunkt zeigt,
ein Totem, geschnitzt
auf das Holz einer stummen Lahuta*
Eine Epoche, umgestürzt
im Wind. Hat das einen Sinn?
Ein anderer Gott betrachtet
die Gesten von Helden und Heiligen,
aus denen Kitsch wurde? Eine andere
Ahndung wird vorbereitet? Mit Worten,
Verschlissen wie Kleider,
in Gärten des Mythos, hier, angesichts
der Leidenschaft der Sonne,
die Ikone des Lichts, sie ergießt
den Trug der Zeit ins Meer
des Alls, flickt goldene Altäre
Um Krone und Ring zu beweinen
fortgeschleudert in ein Orchester hungriger
Gesten – schlaflockendes Echo
bei ausgegrabenen Amphoren
dort umreißt eine Flut von Sonne
wiederum verweinte Verwunderung
Des Lebens, mißbrauchtes Relikt
im tragischen Gewerbe der Güte.
Die Namen Adam und Eva zeigen
wie es begann. In den endlosen Mauern des Tages
die Insel Utopia
besteht darauf sich dem Blick zu entziehen
Schönheit des Blutes, sie schlägt
an die Stirn der Zeit, die grausame Rose
mit der sie lügt

 

Adam

1.
Der Körper – Symbol des Denkens das verschleiert, das Denken selbst – Symbol
von etwas anderem das verschleiert
Und dennoch weiß er nicht ob er zur Freiheit geht oder vor ihr flieht

2.
Noch hat er kein Vertrauen oder heilige Wörter, Paradies oder Inferno
die einzigen Reichtümer – Denken, Fühlen
Die Stufe der Gründe nicht zu sehen und ihre Energie geschluckt von den Dingen

3.
Er schätzt das Denken denn wie er denkt so wird es: er fühlt sich
als Wurm doch glaubt er, er sei auf dem Weg heilig zu werden
Als heilig sieht er sogar den Wurm an

4.
Zeit scheint ihm nur eine Art des Denkens zu sein
wenn er sich müht das Ich zu den Worten „ich habe Recht“ zu erheben
Wenn er sieht daß Gott nichts braucht

 

Eva

Da Versuchungen und Teufel aus mir aufbrachen
Und mein kindlicher Geist in Gottes Schoß sitzt
So vernünftig das Unverständliche
Nicht zu trennen vom Himmel war ich
Mittwoch Donnerstag Sonntag
Im Sommer im Herbst im Winter
Mein Seele suchte ein Sandkorn
Um die Unendlichkeit zu lesen
Und ich sah Worte die verschwanden
Wie Duft, und ich sah Schweigen das durchpflügt wurde
Und Herzschläge
Und Nachtigallenlieder
Und Regen-Lose
Und ich tauchte tief in den Eifer der Rasse
Und ich zwängte mich tief in die Flecken des Grauens
Und all das besingen die Musen
Die ganze Menschheit hat einen Liebsten
Mit Luft eingesammelt
Im Lied ist der Tag nicht so lang wie er sein sollte
Wie kannst du wissen zu wem du gehörst wenn du
Bloß eine Seele bist
Wie kannst du wissen wohin die unstete Pracht führt
Er der Fragen stellt
Ob du denn deine Herrlichkeit nicht erkanntest
Ob du sie denn nicht als Zeichen von Überlegenheit und Stärke erkanntest
Offen, Silbe um Silbe im Herz der Gesundheit
Frieden braucht Stärke um ihn zu ertragen Er
Der Fragen stellt Ob du der Seele trauen kannst
Bis zu guter Letzt, ist in mich eingetreten
Und wurde Er der ich bin
Er trat in mich ein wie ein scharfes Messer des Gefühls (was für ein Loch im Herzen)
Denn diese Welt muß ich beobachten und haben
Er trat ein wie die Note des Liedes das er singt
Mit Gedanken mach dich nicht verrückt, sondern geh deines Weges
– der Natur gefällt es nicht
Beobachtet zu werden: sie mag uns als Spielgefährten:
Nichts also bleibt außer dem Tod,
der einzigen Realität
(Es ist Platz für Zufriedenheit) die sich vor uns nicht drückt.

© Gazmend Krasniqi
© Übersetzung Hans-Joachim Lanksch

Frederik Rreshpja auf Deutsch

Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj

Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

Niemand soll sich um mein Schicksal grämen
Der Lyriker, Erzähler und Essayist Frederik Rreshpja

Frederik Rreshpja Frederik Rreshpja (oder Reshpja, die Schreibweise schwankt), 1941 oder 1940 (die Angaben schwanken) in Shkodër geboren, ist eine lebende Legende. Albanische Lyrikkenner geraten bei der Nennung seines Namens ins Schwärmen. Im öffentlichen Leben und in der Literaturszene Albaniens ist er nicht präsent. Seine Lyrikbände sind vergriffen. Die albanische Literaturkritik, soweit vorhanden, nimmt nicht mehr Notiz von ihm. Über sein Leben ist wenig zu erfahren; Hasan Hasanis „Leksikoni i shkrimtarëve shqiptarë 1501-2001“ (Prishtinë, 2003) nennt sein Geburtsjahr, den Schul- und Studienort sowie die Erscheinungsjahre seiner Bücher und verschweigt, daß Frederik Rreshpja im produktivsten Lebensalter eines Schriftstellers, zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, als politischer Häftling 17 Jahre lang eingesperrt war, was wir erst aus Robert Elsies „Histori e Letërsisë Shqiptare“ (Tiranë – Pejë, 2003) erfahren. Ein Liebling der Verleger und Übersetzer ist Rreshpja auch nicht. Viele seiner Werke sind dem Vernehmen nach nicht publiziert und fristen ihr Dasein in Plastiktüten, die der Autor in Hotels und bei Freunden deponiert hat. Immerhin ist er in Alexandre Zotos‘ „Anthologie de la poésie albanaise“ (Chambéry, 1998) und in Ali Alius „Antologji e poezisë shqipe.

Gjysmëshekulli i artë“ (Tetovë, 2000) mit einigen wenigen Gedichten vertreten und beschließt Gazmend Krasniqis hervorragend gelungenen Anthologieversuch „Poezi. Sprovë antologjike“ (2003). Frederik Rreshpja zu begegnen ist fast nicht möglich, da er seit längerem keinen festen Wohnsitz mehr hat.

Einem Interview, das er 1992 der Zeitschrift „Zëri i Rinisë“ gab, entnehmen wir seine Äußerung: „Ich weiß nicht, ob noch irgendetwas auf der Welt geblieben ist, was mich erfreuen kann. Alles, was ich geliebt habe, habe ich verloren. Wenn ich traurig bin, schreibe ich. Also schreibe ich viel.“ Damals kündigte er an, er wolle eine unabhängige Zeitung für Intellektuelle herausbringen, über Kultur und Kunst, abseits der Politik, und er wolle auch Bücher verlegen.

Was danach geschah, erfährt man aus einem Artikel des Archäologen und Lyrikers Moikom Zeqo in der Zeitung „Koha Jonë“ vom 15. Dezember 2003: Frederik Rreshpja arbeitete und schrieb als Chefredakteur der Zeitung „Ora“. Er erwarb eine Druckerei, gründete einen Verlag „Evropa“, gab ebenso aufsehenerregende wie kurzlebige Zeitungen und Zeitschriften heraus, wurde reich, konnte mit dem vielen Geld nicht umgehen und verlor den Reichtum schnell wieder. Wieder einmal hatte er (fast) alles verloren. Er begann, ein unstetes Leben zu führen, das seiner Gesundheit zunehmend zusetzte. 2001 erlitt er eine Gehirnblutung, die ihn fast das Leben gekostet hätte. Er hatte nun keine feste Bleibe mehr. Oft stand er ohne einen einzigen Lek da. Moikom Zeqo und ein anderer Schriftstellerfreund brachten Rreshpja in einem ruhigen, von Grün umgebenen privaten Altersheim unter. Rreshpja erholte sich, schrieb und schrieb – und hielt die Vereinsamung nicht länger als sechs Monate aus, ließ sich zu seiner Familie nach Shkodër bringen, schrieb Gedichte und veröffentlichte sie in Periodika, bis es ihn auch dort nicht mehr hielt und er wieder nach Tirana ging. Er zog von Hotel zu Hotel, warf sein weniges Geld zum Fenster hinaus und verarmte zusehends.

Moikom Zeqo wurde einige Tage vor Erscheinen des zitierten Artikels angerufen, Frederik Rreshpja sei schwerkrank in einem Lokal zusammengebrochen. Zeqo fand ihn dort nicht mehr vor.

Eine mir befreundete Kulturjournalistin, Admirina Peçi, machte sich auf die Suche und stöberte Rreshpja nach längerer Suche in einem Lokal auf. Er war bei einem Freund untergekommen. Zuvor hatte er sich überzeugen lassen, wieder ins Altenheim zu gehen, und hatte nach wenigen Tagen wiederum das Weite gesucht. Warum? „Ich bin es gewohnt, wegzulaufen – aus dem Gefängnis, vor Kummer und Langeweile, vor unerwünschten Menschen, aus dem Altenheim, vor schönen Mädchen wie Da Vincis Mona Lisa“, sagte er Admirina Peçi.

Bei seinem Freund hielt es Frederik Rreshpja auch nur kurze Zeit aus, dann war er schon wieder auf der Straße.

Man könnte Frederik Rreshpja als einen Lebenskünstler bezeichnen, der an der Kunst des Lebens und Fußfassens in der trivialen und grotesken Realität des Alltags scheitert, die Kunst des Schreibens dagegen beherrscht wie wenige. Er kommt mit einem erstaunlich kleinen Inventar von Motiven und Schlüsselwörtern aus. Vogel, Jahreszeit, Mond, Meer, Regen, Trauer, Herz, Ufer, Sand, Himmel … Diese und einige wenige andere lexikalische Säulen seiner dichterischen Welt kombiniert er zu immer wieder neuen, frischen poetischen Bildern von großer Intensität und Schönheit. Sprachliche Fügungen und poetische Bilder scheinen ihm zuzufliegen wie Mozart Harmonien und melodische Wendungen zugeflogen sind. Gewollte und gekünstelte Metaphern und Bilder wird man bei ihm, im Gegensatz zu so manchem anderen Lyriker, vergeblich suchen. Bei aller Originalität wirken seine Gedichte stets wie ein natürlicher und stringenter Ausdruck seiner seelischen Befindlichkeit.

Seine Gedichte kennen keinen Ballast, keine Worthülsen. Jedes Textelement hat seine Funktion, und doch wirken die Texte nicht gedrechselt oder leblos, sondern sind erfüllt von Leben und Wärme. So unstet und von Ruhelosigkeit umtrieben sich das äußere Leben Frederik Rreshpjas auch darstellt – seine Gedichte werden von einem ruhigen, gleichmäßigen Atem getragen. Diese Ruhe wirkt keineswegs wie ein künstlicher Deckel auf einem brodelnden Vulkan.

Frederik Rreshpja ist kein Dichter hymnischen Jubels oder gar nationaler Exaltation. Seine Themen sind Verlust, Schmerz, Einsamkeit, gegossen in Verse von anrührender Schönheit und Individualität. Fern aller Topoi drehleierartig wiederholter und wiedergekäuter Albanozentrik ist Frederik Rreshpjas Lyrik hochrangige Literatur europäischen Kalibers.

2.3.2004, Hans-Joachim Lanksch

Die hier übersetzten Gedichte Rreshpjas sind seinem Band „Erdhi ora të vdes përsëri“ (1994) entnommen, den mir Herr Dr. Moikom Zeqo freundlicherweise in Fotokopie geschickt hat, wofür ich ihm auch an dieser Stelle danken möchte.

FREDERIK RRESHPJA

DER ADLER

Ein Flugzeug saust irgendwo und der erhabene Vogel
Sieht verächtlich auf die Seele aus hartem Aluminium
Die da stöhnt unter einem metallenen Schmerz.
Nur ruhig, du altertümlicher Flieger der Rhapsodien!
Menschliche Trennung ist es, die da heult im Himmel,
Verfolgt vom Reiterheer der Regenfluten.

 

MEER

Der Mond zieht durch Nebelschwaden
Wie der Kahn meines Schmerzes.
Mein Traum von blauen Inseln
Durch Schmerz, durch Mond hindurch!
Ich meißelte meinen Kummer ins Meeresufer.
Wellen kommen und werden zu Tränen
Wie die Tränen der Mythen an meinem Standbild
Und kein Tod spült mich fort.
Der Untergang wie ein Mörder messerbewehrt
Durch Schmerz, durch Mond hindurch.
Mein ganzes Leben – wie diese Wasser unter Messern,
Und kein Tod spült mich fort.

 

KLEINER VOGEL

Jetzt wirst du am Himmel fliegen.
Doch noch ruht dein Flug in meinen Händen.
Vergiß meine Hände nicht!
In solchem Menschen-Nest wirst du dich
nie mehr bergen.
Los, der Himmel erwartet dich!
Ich habe vieles gehabt und habe es mir
aus den Händen gleiten lassen.
Ich habe viel geliebt und manche Liebe ist mir
aus der Hand geglitten …
Ach, nun ist auch die letzte Freude davongeflogen.
Ihr Schatten wurde Mond und fiel ins Meer.

 

DER GARTEN

Zerbrochene Löwen der Kindheit
Schlürfen Wasser am alten Brunnen;
Über Rosenfeuern wärmt Saadi sich die Hände
Mit seinem Turban aus Tau.
Aus Mythen kommen oft Satyre gesprungen
Und öffnen die Schleusen der Schatten.
Der Jasmin schaut auf die Pfade der Nacht
Und Licht fließt aus seinen Fingern.
Vor lauter eigener Schönheit verliebt
Hebt der Narziß die Schultern aus Knospen empor;
Ich spüre auf der Stirn die Meißel des Frühlings,
Er schnitzt mir Augen aus Gras.

 

MONDREGEN

Wie ein Harlekin, der losgeht
Den vergessenen Garten der Kindheit zu durchstreifen
Tritt der bekümmerte Mond in den Wolken
Auf die Zweige der Regengüsse.
Der einsame See am Ufer der Nacht
Wird unruhig auf den Armen des Windes
Und in der Tiefe gießt die Sirene der blauen Woge
Tränen aufs schlaftrunkene Antlitz der Legende.
Sterne auf dem Asphalt wie gebrochener Untergang
Und Pappeln wie schwarze Mönche.
Hinter Bäumen versteckt lauscht irgendwo
der alte Totschläger: die Trauer.
Mag sein, daß mich das Messer der Trauer
irgendwo zu Boden strecken wird.
Versteckt hinter gebrochenem Untergang
Versteckt unter Fluten von Mondregen …

 

MEIN HERZ!

In keiner Hand der Welt finde ich Schlaf.
Ich hatte mich daran gewöhnt: mein Kopf in deinen Händen.
Du hast gewußt daß an mir etwas Meerhaftes ist;
Von Ufer zu Ufer und ich finde keinen Schlaf.
Hinlegen möchte ich mich und sterben.
Doch du kommst ziehst mich aus dem Schlick:
Ganze Berge trennen uns nicht
Wie sollen uns zwei Handvoll Erde trennen?
Ich war daran gewohnt: mein Kopf in deinen Händen;
Jetzt finden auch die Ufer keinen Schlaf mehr.

 

SHIROKA IM WINTER

Keine Vögel mehr. Die Flüge gestrichen.
Von Regen durchtränkt alles ringsum.
Das Ufer sinniert zu Füßen der Wasserfluten
Es träumt vom vergangenen Sommer.
Im Sand des Vergessens sammle ich
Die Keramik deines Bildnisses.
Wie kurz war dieser Sommer, mein Gott!
Eine Handvoll Sand und eine Handvoll Himmel.
Im ganzen Kalender des Sommers nur ein Samstag
Am ganzen Samstag nur ein Kuß.

 

BLEIB HEUTE BEI MIR

Auf dem Fluß malt der Mond
Eine Brücke zu Sternträumen;
Die graue Wolke gleicht vergessenem Sehnen
Und legt den Kopf auf die Hände der Wälder.
Du kamst auf dem Weg des Mondes
Selbst die Schwelle der Pforte
Läßt Knospen aufsprießen.
Bleib heute bei mir
Bis die Rosen toter Bäume blühen!

 

PRÉLUDE

Abendluft, hüll mich ein
Mir schlägt die Stunde, wieder zu sterben.
Wenn meine Augen sich schließen, wird es kein Meer geben
Für die Kähne der Tränen.
Ich gehe fort, eingesperrte Regenschauer hinter mir.
Doch ich komme wieder. Zu jeder Jahreszeit, die ich liebe.
Die Trübsal der Welt bin ich gewesen.
Abendluft, hüll mich ein
Mir schlägt die Stunde, wieder zu sterben.

 

TORSO

Nur heraus aus dem Reich des Steines!
So lange schon klopfe ich an Marmor,
Eintausend Jahre und zweitausend Jahre.
Wir haben einander geküßt in alten Iliaden
Als die Homere die Leier schlugen.
Du Mond des Regens,
Mach eine Ilias für mich
Wenn auch das letzte Troja fällt!
Eingeschlossen in Stein bist du, mein Herz
Eintausend Jahre und zweitausend Jahre.

 

AUGENBLICK

Absurder Himmel. Mein Traum, ich würde
eines Tages fliegen!
Gelegentlich wird es März
Doch die Einsamkeit ist winterhaft.
Deine Augen betrachten mich jenseits
des Schneehorizontes.
Am Brunnen schlafen die Jahreszeiten, es tanzt
der Marmor der Legenden.
Heut abend wirst du Stein,
Lieben wirst du nicht mehr!
Absurder Himmel, Spielzeug der Windkinder!
Und ich hab gedacht, eines Tages würd ich fliegen …

 

FALSCHE PROPHETEN

Und wir waren doch schrecklich verfolgt.
Und biblische Gestalten sind wir, haben einen
tadellosen Lebenslauf.
Ihr Armseligen die ihr jedem Gekreuzigten glaubtet!
Wir allein können euch ins Paradies bringen.
Und wenn ihr’s uns glaubt, dann können wir auch
Maßnahmen ergreifen.
Verdammte Ignoranten!
Amen!

 

WENN DIE MONDE STERBEN

Das kleine Gespenst der Märchen
Streut Sterne auf den Strand der Schatten;
Durchs Fenster des Laubs sah ich
Den Mond, erloschen im Regen.
Sterben die Monde, sterben die Sterne
Dann bin ich wie einst ein mitleidvolles Kind.
Kann sein daß ich weine, einsam
Überm Licht der Mondhände.
Kann sein daß ich auch um die Vögel weine
Anklopfe an die Ruinen ihrer Nester
Danach erkläre ich den Vögeln
Daß auch ich nestlos bin in dieser Welt.

 

SCHMERZ

Sehnsucht rankt durch Wurzeln, wird eine Blume.
Du Kirschbaum, von meiner Mutter gepflanzt
Dein Bruder bin ich!
Ihre Hände haben uns beide gerüttelt!
Wachse, wachse mein Sohn!
Wachse, wachse du Kirschbaum!
Meine Mutter, von Schulklasse zu Schulklasse:
Sohn, die Götter haben sich geärgert.
Wie gut war es als ihr klein wart
Und mitsammen zur Mutter Gottes gebetet habt.
Der Wind rüttelt den Kummer der Blumen
Und wiegt vielleicht Mutters in die Luft
getuschten Hände.
Wachse, wachse, Kirschbaum!
Ich werde nicht mehr blühen…

 

DIE SÖHNE DES MEERES

Die Meersterne in blauen Gräbern
Eingehüllt von der Nacht der Wasser …
Jetzt bin ich der Sohn der Luft
Wie am ersten Tag der Welt,
Verdammt wie in der Bibel.
Jetzt bin ich der Sohn des Mondes.
Alle anderen Inseln sind falsch.
Nein, es gibt kein Ithaka auf der Welt.
Nie wieder werde ich zurückkehren
Denn ich traue keinem Ufer mehr!

 

DIE ZIGEUNER KOMMEN

Die Zigeuner kommen mit Trommeln und Mond
Sie weinen und sie heulen.
Schnell schnell schlagen sie die Zelte auf
Rings um meine Seele aus Wasser.
Ich war jung und ich war schön,
Ich war feurig im Lieben.
Vieles habe ich nun vergessen
Von Mond und Magie…
Die Zigeuner mit Trommeln, sie heulen
Um Schmerzen ferner Wüsten.
Wach sitze ich am Flußufer,
Liebesverflucht und mondverflucht.
Der Chor der Rosen vergießt Tränen
Um Trommeln und den Mond, trübselig.
Wie jung war ich einstens und wie schön,
Einst in einem März, der lang schon verging.

 

LASS MICH MIT DIR GEHEN

Durchs Tal ziehen Zigeuner, über ihre Schultern
Baumeln Trommeln als wären es Leichen
Wenn die Geister der Einöde
Nicht mehr erwachen werden.
Aus dem Nest des Regens flog
Das Wolkenlied, Totenklage durch und durch.
Lass mich mit dir gehen!
Dies ist mein letztes Abenddämmern.
Ich komme zu dir zum Sterben, verstanden?
Sterben muß ich und dann
Mein Blut über Rosen sprenkeln
Unter einem Jerusalem-Mond.

 

SCHICKSAL

Um mein Schicksal gräme ich mich selber
Niemand soll sich um mein Schicksal grämen,
Der Gott des Verlustes folgt meiner Spur
Mit Marmorsplittern aus sinnlosen Kriegen.
Ich bin ein alter Heide
Fühle mich nicht wohl ohne dieses Unheil
Jeder Mensch hat ein Wort auf das er seinen Kopf bettet
Ich berge mich in meinem Schmerz.
Was sollte ich mehr mögen als den Kampf,
Dieses närrische Schicksal folgt mir nach.
Wenig habe ich verdient im Leben,
Gewaltig waren meine Verluste.
Mein Schicksal soll niemanden betrüben,
Denn mein Schicksal betrübt mich selbst;
Der zersplitterte Marmor des Gottes des Verlustes –
Das wird mein ganzer Ruhm sein!

© Frederik Rreshpja
© Übersetzungen Hans-Joachim Lanksch

Arshi Pipa auf Deutsch

Albanische Literatur

Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch
Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi
| Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan Çapaliku | Sokol Zekaj

Einige Verfasser von Shkodra übersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch

ARSHI PIPA

Arshi Pipa Arshi Pipa, 1920-1997; Philosophiestudium in Florenz, Promotion über „Moral und Philosophie bei Bergson“; unterrichtete am Staatslyzeum Tirana 1941-1946; 1957 Flucht nach Jugoslawien, seit 1958 in den USA; Universitätsprofessor für Philosophie sowie italienische und französische Literatur in Berkeley und Minneapolis; zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten (Philosophie, albanische, italienische, französische Literatur), Rezensionen, Essays und politische Aufsätze in den Sprachen, die er sprach: Albanisch, Italienisch, Französisch, Englisch und Deutsch; Herausgeber wichtiger albanischer Kulturzeitschriften; er war Vorsitzender des traditionsreichen albanischen Kulturvereins „Vatra“ in Boston; 4 Gedichtbände: Lundërtarë (Seefahrer; 1944), Libri i burgut (Das Gefängnisbuch; 1959), Rusha (1966), Meridiana (1969).

Zusammen mit Martin Camaj Bewahrer der albanischen Kulturtradition, rastloser Kämpfer für eine unabhängige albanische Literatur, Hoffnungsträger albanischer Intellektueller und Künstler in der Diaspora. Von einer auch nur irgendwie gearteten Anerkennung oder Würdigung seines Werkes ist nichts bekannt.

Im kommunistischen Albanien war Arshi Pipa Dissident der ersten Stunde, von 1946 – 1956 war er zehn Jahre lang politischer Gefangener; er saß auch in den berüchtigsten albanischen Gefängnissen und Zwangsarbeitslagern ein, gehört zu denen, die nur durch äußerste Willenskraft und Gottes Hilfe das unmenschlichste aller Greuel der roten Spinne (wie der kosova-albanische Lyriker Ali Podrimja den Kommunismus nannte), die Zwangsstrafarbeit bei der Trockenlegung der Sümpfe in Südalbanien, überstanden. Über diese zehn traumatischen Jahre hat er mit einem poetischen Tagebuch, einem Tagebuch in Gedichtform, Zeugnis abgelegt.

von Hans-Joachim Lanksch

ARSHI PIPA

DER KANAL

Es donnert bei Korça. In Strahlen strömt Regen
auf Köpfe und Liegen von Wachstuch auf den Mauern.
Die Menschen beginnen, sich noch mehr in Decken zu kauern:
ein Knäuel, in dem sich faulendes Fleisch und Lumpen bewegen.
Abend. Jemand nebenan hat Blut vor dem Munde.
Dort drüben singt ein Kind verhohlen.
Einer zankt: man hat ihm sein bißchen Wasser gestohlen,
einem andern das Brot. Ein Wächter tritt in die Runde.
Prügel und Tritte. Schreien. Die Pfeife trillert.
Pause. Matt und erschöpft sind alle, sie suchen
Ruhe und Schlaf – wer in dieser Nacht zu schlafen vermag.
Wie im Lazarett ein Stöhnen und Fluchen.
Alle erwartet der Kanal, wo Sumpfwasser schillert,
und manche ein einsames Grab am nächsten Tag.

 

DIE ERSTE NACHT

Eine Küche, schon längst nicht mehr benutzt.
Über dem Spülstein mit Kacheln: Spiralen
von Ruß, die sich aus der Petrolleumlampe winden.
Verschlossen die Tür, die Fenster verschlossen, verschmutzt.
Haufen von Schatten unten an der Wand.
Ein Steintopf hinter der Tür. Daneben die Schalen
einer Zwiebel. Eine Maus nagt hier und da an Rinden
von Brot. Jemand nimmt die Feldflasche zur Hand.
Bewegung kommt in die Schatten, es lugen dabei
aus Mänteln und Decken neugierig Augen, Gesichter …
Ein schwerer Schritt die Treppe hinauf … Schweigen …
Riegel krachen … nebenan im Büro ein Schrei.
Noch einer, entsetzlich, lang … Dreckiger und dichter
wird das Fluchen. Die Riegel … Schritte, Treppensteigen …

 

MORGENROT

Morgenröten, die man nicht sieht
die man nur hört.
Schlaf, Alpdruck, aus Träumen
aufschrecken … Da verflechten sich
das Schnarchen der Wächter, der Geruch
von Schweiß und Benzin
mit Schreien, mit Lärm
und dem Gestank der Fäulnis.
Und plötzlich von dort drüben
ein Laut, der einlädt …
ein breites Rauschen!
Ein Pfeifen, Zwitschern …
Die Vögel auf der Kiefer
nehmen Abschied von der Nacht.

Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch