{"id":52,"date":"2014-11-14T10:23:49","date_gmt":"2014-11-14T09:23:49","guid":{"rendered":"http:\/\/shkoder.net\/go\/de\/?p=52"},"modified":"2020-09-27T16:05:40","modified_gmt":"2020-09-27T14:05:40","slug":"ridvan-dibra-auf-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/shkoder.net\/de\/ridvan-dibra-auf-deutsch\/","title":{"rendered":"Ridvan Dibra auf Deutsch"},"content":{"rendered":"<p><center>[ <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=56\">Ridvan Dibra auf Deutsch I<\/a> ]<\/center><br \/>\n<i>Albanische Literatur<\/i><\/p>\n<p><center><b>Auf Deutsch von <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=32\">Hans-Joachim Lanksch<\/a><\/b><br \/>\n<a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=34\">Arshi Pipa<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=27\">Brikena Smajli<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=38\">Frederik Rreshpja<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=41\">Gazmend Krasniqi<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=43\">Ledia Dushi<\/a><br \/>\n| <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=46\">Martin Camaj<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=49\">Primo Shllaku<\/a> | <b>Ridvan Dibra<\/b> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=60\">Stefan \u00c7apaliku<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=29\">Sokol Zekaj<\/a><\/center><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Einige Verfasser von Shkodra \u00fcbersetzt auf Deutsch von <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=32\">Hans-Joachim Lanksch<\/a><\/em><\/p>\n<h3>Ridvan Dibra (1959)<\/h3>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.shkoder.net\/images\/shkodra\/ridvan_dibra.jpg\" alt=\"Ridvan Dibra\" width=\"150\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"10\" \/><\/p>\n<p><strong>Ridvan Dibra<\/strong>, geb. 1959 in Shkod\u00ebr \/ Albanien, Studium der albanischen Sprache und Literatur an der dortigen &#8222;Luigj-Gurakuqi-Universit\u00e4t&#8220;. F\u00fcnf Jahre Lehrer in Kuk\u00ebs, sechs Jahre Journalist in Shkod\u00ebr, jetzt Universit\u00e4ts-Dozent f\u00fcr albanische Literatur in Shkod\u00ebr. Er hat zwei B\u00e4nde mit Erz\u00e4hlungen, je einen Band Parabeln und Novellen und f\u00fcnf Romane ver\u00f6ffentlicht. Ein Roman und ein Band mit &#8222;mythologischen Parabeln&#8220; befinden sich derzeit im Druck. Ausz\u00fcge aus seinem Werk wurden bisher ins Italienische, Serbokroatische und Makedonische \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Der shkodranische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Stefan \u00c7apaliku schreibt: &#8222;Ridvan Dibra tritt den Beweis an, dass man Literatur nicht nur dann schreiben kann, wenn man mit dem Sch\u00e4del gegen dicke W\u00e4nde gewaltiger nationaler oder sozialpolitischer Themen und Konflikte rennt. F\u00fcr ihn ist Literatur ein Text, der anregt und kommuniziert, der die Denotation des Wortes hintanstellt und seiner Konnotation Denkm\u00e4ler errichtet.&#8220;<\/p>\n<h3>Ridvan DIBRA<\/h3>\n<blockquote><p><b>DIE \u00c4GYPTISCHEN PLAGEN: DIE WUNDEN DES MOSE<\/b><\/p>\n<p>Alle haben Zippora vergessen, die Frau des Propheten.<\/p>\n<p>Die Himmel werden aufgebl\u00e4ttert wie Buchseiten,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p>Vergilbt von der Zeit<br \/>\nMehr jedoch &#8211; sag ich &#8211; vom t\u00e4glichen Durchbl\u00e4ttern<br \/>\nHier geknickt, da zerrissen<br \/>\nVon Blitzen und unserer Ungeduld.<\/p>\n<p>Blind sind wir wieder wie im Anfang,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p>Auch nicht eine Seite haben wir zu lesen verstanden<br \/>\nAuch nicht eine Zeile, auch nicht einen Buchstaben<br \/>\nEinfach weil wir landauf landab suchten<br \/>\nAls nah und fern das Alphabet gelehrt wurde.<\/p>\n<p>Taub sind wir wieder wie im Anfang,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p>Haben&#8217;s nicht verstanden Deine Stimme zu h\u00f6ren<br \/>\nVerwirrt von tausendundeiner falschen Stimme<br \/>\nAls alles so leicht und einfach war und es gen\u00fcgte<br \/>\nDen Kopf zu senken und unsern Atem zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Hungrig sind wir wieder wie im Anfang,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p>Einfach weil wir nach dem Weinstock des Nachbarn gierten<br \/>\nUnd nie unser Unkraut und die Erdkugel segneten<br \/>\nIn die wir nicht h\u00e4tten hineinbei\u00dfen d\u00fcrfen<br \/>\n\u00dcberst\u00fcrzt wie in einen unreifen Apfel.<\/p>\n<p>Einsam sind wir wieder wie im Anfang,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p>\u00dcberallhin verstreut wie Sand im Sandsturm<br \/>\nDen unsere Backen aufwirbelten<br \/>\nOder verwaiste Kinder die reum\u00fctig sind<br \/>\nWeil sie die Hand erhoben, die Eltern erschlugen.<\/p>\n<p>Im Staub sind wir wieder wie im Anfang,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p>An unsren Lippen, in unsren Lungen ist Staub<br \/>\nUnd fliegen wir, folgt uns der Staub, scheint&#8217;s, in alle Winde<br \/>\nEinfach weil wir vor einem jeden Aufbruch<br \/>\nKeine Lust haben uns zu reinigen oder es vergessen.<\/p>\n<p>Obdachlos sind wir wieder wie im Anfang,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p>Unsre H\u00fctten st\u00fcrzen ein noch ehe sie fertiggebaut sind<br \/>\nNicht einmal tausend Jahre halten sie Deinem Zorn stand<br \/>\nWir hingegen geben die Schuld nacheinander<br \/>\nden W\u00e4nden, der Grundmauer, dem Dach.<\/p>\n<p>Durstig sind wir wieder wie im Anfang,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p>Unsre Lippen &#8211; von Gluthitze verdorrt und rissig<br \/>\nAlle Quellen des Lebens haben wir ausgetrocknet<br \/>\nUnz\u00e4hlige Quellen des Blutes haben wir dann<br \/>\nersehnt und ersonnen.<\/p>\n<p>Unwissend sind wir wieder wie im Anfang,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p>Einfach weil wir den zweiten Schritt vor dem dritten setzten<br \/>\nUnd das erste Wort nach dem zweiten sagten.<br \/>\nDaher ist auch unser Wissen nichts weiter<br \/>\nAls ein Berichtigen einst gemachter Fehler.<\/p>\n<p>Du bist wieder \u00fcberall<br \/>\nUnd wir wieder nirgendwo,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde des Blutes haben wir s\u00e4mtlich mi\u00dfachtet<br \/>\nHaben auch den Schrei der Bek\u00fcmmerten vergessen<br \/>\nHaben vergessen da\u00df die Wunden der Feinde eines Tages<br \/>\nSt\u00e4rker schmerzen in unserer Brust.<\/p>\n<p>Sie schmerzen in meiner Brust,<br \/>\nMein Gott.<\/p>\n<p><b>DIE ERSTE WUNDE: BLUT<\/b><\/p>\n<p>Dir schaudert vor Blut mehr als vor den Schatten, Zippora,<br \/>\nVor Blut das keinen Namen hat, aus frischer Wunde quillt<br \/>\nVor Blut das in allen Wunden gleich glitzert<br \/>\nVor Blut das nie verstand zu Wasser zu werden,<\/p>\n<p>Denn Wasser wird zu Blut,<br \/>\nMeine Zippora.<\/p>\n<p>Es reicht wenn ich mit meinem Schlangenstab darauf schlage<br \/>\nMit meinem unb\u00e4ndigen Willen, wollt ich sagen<br \/>\nBamm &#8211; bamm &#8211; bamm<br \/>\nBamm &#8211; bamm<br \/>\nBamm.<\/p>\n<p>Sieh wie blutig die Fl\u00fcsse und alle anderen Gew\u00e4sser wurden<br \/>\nDer Schnee schmilzt und l\u00e4\u00dft Blut tr\u00f6pfeln<br \/>\nVon spitzen Eiszapfen tr\u00f6pfelt Blut<br \/>\nTropf &#8211; tropf &#8211; tropf<br \/>\nTropf &#8211; tropf<br \/>\nTropf.<\/p>\n<p>Begreift jetzt den Preis des Wassers und la\u00dft mein Ziel ziehen<br \/>\nIhr rissigen Lippen und ihr vertrockneten Landstriche<br \/>\nIhr durstigen Br\u00fcste und ihr hungrigen Fische<br \/>\nVergessen habt ihr da\u00df man mich aus dem Wasser zog<br \/>\nUnd den Namen dazu:<\/p>\n<p>Leben war er im Anfang<br \/>\nTod kam gleich darauf.<\/p>\n<p><b>DIE ZWEITE WUNDE: FR\u00d6SCHE<\/b><\/p>\n<p>Dir schaudert vor dem Sumpf mehr als vor Blut, Zippora,<br \/>\nVor dem Sumpf der Vergessen und Unachtsamkeit hei\u00dft<br \/>\nVor dem gelben Sumpf der das Gr\u00fcn b\u00e4ndigt<br \/>\nWie der Augenblick die Ewigkeit<\/p>\n<p>Dem Sumpf entsteigen Ungeheuer,<br \/>\nmeine Zippora.<\/p>\n<p>Alle m\u00f6glichen tr\u00e4gen und absto\u00dfenden Kriechtiere<br \/>\nAllerlei bunte und giftige Lilien<br \/>\nVielerlei Gekeuche, alles schlammverschmiert<br \/>\nUnd am Schlu\u00df die r\u00e4tselhaften Fr\u00f6sche:<\/p>\n<p>Angelockt von meinem Schlangenstab<br \/>\nVon meinem unb\u00e4ndigen Willen, wollt ich sagen.<\/p>\n<p>Sie klettern heraus und in dein Haus, Zippora,<br \/>\nIns Zimmer in dem du schl\u00e4fst<br \/>\nIn dein Bett kriechen sie<br \/>\nBringen die wei\u00dfen Laken durcheinander<br \/>\nUnd deinen friedlichen Schlaf<br \/>\nMit ihrem schleimigen Gesabber<br \/>\nQuak &#8211; quak &#8211; quak<br \/>\nQuak &#8211; quak<br \/>\nQuak.<\/p>\n<p>Wenn die G\u00f6tter gegeneinander Krieg f\u00fchren<br \/>\nMu\u00df der Mensch Frieden mit sich selbst machen,<\/p>\n<p>Meine Zippora.<\/p>\n<p><b>DIE DRITTE WUNDE: STECHM\u00dcCKEN<\/b><\/p>\n<p>Dir schaudert vor der Ursache mehr als vor den Folgen, Zippora,<br \/>\nVor der Ursache die ich bin oder ein andrer in mir<br \/>\nWas allerdings selten vorkommt, sehr selten bei Menschen<br \/>\nUnd vielleicht nie bei den T\u00f6chtern Evas.<\/p>\n<p>Die Staubwirbel sind jetzt Wolken von Stechm\u00fccken,<br \/>\nMeine Zippora.<\/p>\n<p>Auf deinem Gesicht und deinem langen K\u00f6rper<br \/>\nAuf deinen Lippen und deinen kleinen Br\u00fcsten<br \/>\nAuf deinem Schlaf und deinen unschuldigen Tr\u00e4umen<br \/>\nAuf deinem Schweigen und deiner g\u00f6ttlichen Geduld<br \/>\nAuf deinen Tr\u00e4nen und deinem seltenen Lachen<br \/>\nAuf deiner Mutterschaft und deiner geringen Frucht<br \/>\nAuf deinen Wurzeln und deinem gr\u00fcnen Stamm<br \/>\nHaften graue Spuren von Stichen,<\/p>\n<p>Meine Zippora.<\/p>\n<p><b>DIE VIERTE WUNDE: FLIEGEN<\/b><\/p>\n<p>\u00dcberall sind die kleinen Dinger und sehr l\u00e4stig, Zippora,<br \/>\nWie gelbe Sandk\u00f6rner zwischen den Fingern<br \/>\nOder allt\u00e4gliche Worte und Ereignisse<br \/>\nDie es vielleicht auch nicht gegeben hat,<\/p>\n<p>Diese Wolke von Fliegen ist ein Leichentuch,<br \/>\nMeine Zippora.<\/p>\n<p>Weder die Wunde noch der Bi\u00df oder das Gift<br \/>\nAuf deinem marmornen wei\u00dfen K\u00f6rper<br \/>\nOder alle drei zusammen doch irgendwo unter einer Haut<br \/>\nDort wo Empfindlichkeit schmerzt wie eine nicht begangene S\u00fcnde<br \/>\nUnd der Anfang als zu erwartendes Ende projiziert wird.<\/p>\n<p>Denn selten kommt der Tod<br \/>\nBevor wir selbst ihn gerufen haben,<\/p>\n<p>Meine Zippora.<\/p>\n<p><b>DIE F\u00dcNFTE WUNDE: DAS VIEH<\/b><\/p>\n<p>Einst habe ich \u00fcber dich wie \u00fcber Vieh gesprochen, Zippora,<br \/>\nHabe bei ihm alles von dir gefunden<br \/>\nOder bei dir alles von ihm, das ist egal.<\/p>\n<p>Ich spreche von Zeiten da du Natur hie\u00dfest<br \/>\nOder die Natur Frau hie\u00df, das ist egal.<\/p>\n<p>Aber alles Vieh stirbt,<br \/>\nMeine Zippora.<\/p>\n<p>Es starb in dir, vergr\u00e4mt, eins nach dem andern<br \/>\nEs starb die Sch\u00f6nheit der Ackerpferde in der D\u00e4mmerung<br \/>\nEs starb das Opfer des Kamels in gelber W\u00fcste<br \/>\nEs starb die Unbedarftheit der Esel die Disteln kauten<br \/>\nEs starb die G\u00fcte des Schafes<br \/>\nUnd die Fruchtbarkeit der eingegangenen Kuh.<\/p>\n<p>Nacheinander wurden die F\u00e4den abgerissen<br \/>\nOder war ich es der sie nach und nach abri\u00df<br \/>\nDie F\u00e4den die dich mit der Natur verbanden,<\/p>\n<p>Meine Zippora.<\/p>\n<p><b>DIE SECHSTE WUNDE: STAUB<\/b><\/p>\n<p>Staub ist wie ein Vorurteil, Zippora,<br \/>\nEr saugt an den Lungen<br \/>\nWickelt dich ganz ein<br \/>\nIn einen Umhang der die Farbe wechselt<br \/>\nJe nach der Jahreszeit,<\/p>\n<p>Es ist der Himmel der Ofenasche siebt,<br \/>\nMeine Zippora.<\/p>\n<p>Auf dich und jedes Lebewesen ringsum<br \/>\nF\u00e4llt graue Trauer die sodann<br \/>\nDen kranken ewigen Herbst gebiert<br \/>\nVor Unf\u00e4higkeit eine andere Jahreszeit zu sein<br \/>\nDie dem Menschen und seinem Geschick mehr gliche<br \/>\nDenn unterm Staub werden alle Schicksale gleich<br \/>\nSo zumindest erscheinen sie dem unge\u00fcbten Auge<br \/>\nDem Blick der die Oberfl\u00e4chen nur eben streichelt<br \/>\nWie der Staub deine Gef\u00fchle,<\/p>\n<p>Meine Zippora.<\/p>\n<p><b>DIE SIEBTE WUNDE: HAGEL<\/b><\/p>\n<p>Zwischenzust\u00e4nde haben dir immer Angst eingefl\u00f6\u00dft, Zippora,<br \/>\nZum Beispiel der Hagel: weder Regentropfen noch Schneeflocke<br \/>\nOder auch Regentropfen und Schneeflocke zusammen,<\/p>\n<p>Du allein zwischen Feuer und Eis,<br \/>\nMeine Zippora.<\/p>\n<p>Es sind keine Perlenketten die den Himmeln umgeh\u00e4ngt werden<br \/>\nStricke mit Hagelkugeln sind es<br \/>\nMein h\u00f6lzerner Stab lockt sie herbei<br \/>\nZusammen mit den Feuerschlangen der Blitze<br \/>\nSich verzehrend wie blinde Leidenschaft.<\/p>\n<p>Die Gerste verbrannte und vertrocknete in der \u00c4hre<br \/>\nAuch der Flachs war gerade erst aufgebl\u00fcht.<\/p>\n<p>Nicht aber der Weizen der widersteht und sp\u00e4t reift<br \/>\nWie dein unverletzlicher Kern,<\/p>\n<p>Meine Zippora.<\/p>\n<p><b>DIE ACHTE WUNDE: HEUSCHRECKEN<\/b><\/p>\n<p>Eine geschlossene Wunde zieht eine andere Wunde an, Zippora,<br \/>\nSo wie ein Wunsch einen anderen und ein Schmerz den n\u00e4chsten Schmerz<br \/>\nBis zu dem Augenblick da die Seele ein seelenloses Ding wird<br \/>\nUnd der K\u00f6rper Seele und Geist zugleich,<\/p>\n<p>Da kommen die Totent\u00e4nzer,<br \/>\nMeine Zippora.<\/p>\n<p>Der Ostwind hat sie scharenweise herangeweht<br \/>\nEs ist das Heer der hungrigen, nie satten Augenblicke<br \/>\nDie Pest die alles Verbliebene zermahlt<br \/>\nBesonders die jungen, noch nicht herangewachsenen Halme<br \/>\nOder alles andere was gr\u00fcn ist und die Hoffnung n\u00e4hrt<br \/>\nWomit deine Seele bepflanzt ist<br \/>\nUnd auch dein warmer Leib,<\/p>\n<p>Meine Zippora.<\/p>\n<p><b>DIE NEUNTE WUNDE: FINSTERNIS<\/b><\/p>\n<p>Dir schaudert vor der Finsternis mehr als vor dem Feuer, Zippora,<br \/>\nWenn die Formen verschwinden und alles gleich wird<br \/>\nHohes und Niedriges und Wei\u00df und Schwarz,<\/p>\n<p>Vor der Finsternis die man mit der Hand ber\u00fchren kann,<br \/>\nMeine Zippora.<\/p>\n<p>Dann hast du keine andere Rettung als zu dir selbst zur\u00fcckzukehren<br \/>\nWie zu einem verlorengegangenen<br \/>\nNach vielen, vielen Jahren wiedergefundenen Freund<br \/>\nDunkel ist Dunkel und l\u00f6st sich nicht auf wie Nebel<br \/>\nEs verbirgt das Unbekannte und entdeckt das Bekannte<br \/>\nDer Mensch sieht den Menschen nicht au\u00dfer wenn er ihn anr\u00fchrt<br \/>\nWenn ein Ausweichen unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Versp\u00e4tete Wiedergutmachung tut dir weh<br \/>\nWie mir das wiedergefundene Selbst,<\/p>\n<p>Meine Zippora.<\/p>\n<p><b>DIE ZEHNTE WUNDE: TOD<\/b><\/p>\n<p>Dir schaudert vor dem Tod weniger als vor dem Leben, Zippora,<br \/>\nVor dem Leben an meiner Seite, sag ich, und an der Seite meines einsamen Volkes<br \/>\nMit dem ewigen und falschen Vorhaben gerettet zu werden<br \/>\nIm qualvollen Streben nach gegenseitigem Verstehen,<\/p>\n<p>Der Tod aber, er flieht vor dir, meine Zippora!<\/p>\n<p>Auf deine kluge Stirn habe ich wie auf den Querbalken eines warmen Hauses<br \/>\nEin warnendes Blutmal gezeichnet:<br \/>\nDa\u00df der Tod sich erinnere und einen anderen Unterschlupf suche<br \/>\nDenn der Mensch kann nur erkennen was er selbst schuf<br \/>\nW\u00e4hrend Anfang und Ende Sch\u00f6pfungen eines anderen sind<br \/>\nWenngleich Elefanten an den Ort ihrer Geburt zur\u00fcckkehren<br \/>\nUm zu sterben.<\/p>\n<p>&#8222;Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich&#8220;<br \/>\nSagte der Tod, der Tod selber, eines Tages,<\/p>\n<p>Meine Zippora.<\/p>\n<p><b>DIE ELFTE WUNDE: ZIPPORA<\/b><\/p>\n<p>St\u00e4rker und sicherer als auf meinen h\u00f6lzernen Willen<br \/>\nGest\u00fctzt auf dein schweigendes Sich-Aufopfern, Zippora,<br \/>\nDu, die unverschlossenste aller meiner Wunden<br \/>\nDie mehr schmerzt wenn die anderen schweigen.<\/p>\n<p>Lang war der Weg, Zippora, allzu lang und voller Kehrtwendungen<br \/>\nIch erwartete da\u00df sie mein Ziel verpassen w\u00fcrden<br \/>\nWenn ich auch wu\u00dfte da\u00df nur Kinder den Sieg des Augenblicks wollen<br \/>\nUnd da\u00df in mir alle fr\u00fcheren Propheten vorausgegangen waren.<\/p>\n<p>Lange Wege enden nie allein, Zippora,<br \/>\nStab und Glaube waren zu wenig: Nur Gott ist sich selbst genug<br \/>\nIch h\u00e4tte es n\u00f6tiger gehabt da\u00df sie mich lieben als da\u00df sie mich verstehen<br \/>\nDa kamst du und hattest die Seele hinter den K\u00f6rper gepackt.<br \/>\nIch habe nur das Ziel geliebt darum mochten mich die Menschen nicht, Zippora,<br \/>\nGiftgef\u00fcllte Becher in deinen wei\u00dfen H\u00e4nden<br \/>\nDoch Trauer ist Tugend und Freude ist S\u00fcnde<br \/>\nDie Geschehnisse aber leben weniger als die Menschen.<\/p>\n<p>Wenn du jemanden etwas lehrst, wirst du bezahlt, Zippora,<br \/>\nWenn du alle etwas lehrst, mu\u00dft du bezahlen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n ist es und schwer, Prophetenfrau zu sein,<\/p>\n<p>Meine Zippora.<\/p>\n<p>M\u00e4rz 2000<\/p><\/blockquote>\n<p><strong><em>Ridvan DIBRA, Plag\u00ebt e Moisiut<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Aus dem Albanischen \u00fcbersetzt von <em>Hans-Joachim Lanksch<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Ridvan Dibra<\/b><\/p>\n<p><em>Albanischer Schriftsteller aus Shkod\u00ebr<\/em><\/p>\n<p>http:\/\/www.ridvandibra.tk\/<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Ver\u00f6ffentlichte Werke:<\/em><\/p>\n<p>&#8211; THJESHT (Einfach), Gedichte, 1989. Verlag &#8222;Naim Frash\u00ebri&#8220;, Tiran\u00eb.<br \/>\n&#8211; PROSTITUTA E VIRGJ\u00cbR (Die jungfr\u00e4uliche Prostituierte), Kurzgeschichten, 1994. Verlag &#8222;Idromeno&#8220;, Shkod\u00ebr.<br \/>\n&#8211; EKLIPSI I SHPIRTIT (Sonnenfinsternis der Psyche), Kurzgeschichten, 1994. Verlag &#8222;Gjergj Fishta&#8220;, Shkod\u00ebr.<br \/>\n&#8211; NUDO (Nackt), Roman, 1995. Verlag &#8222;M\u00e7M \u00c7abej&#8220;, Tiran\u00eb.<br \/>\n&#8211; VETMIA E DIELLIT (Die Einsamkeit der Sonne), Parabeln, 1995. Verlag &#8222;Rilindja&#8220;, Tiran\u00eb.<br \/>\n&#8211; MJERIMI I GJYSM\u00cbS (Das Elend der H\u00e4lfte), Novellen, 1996. Verlag &#8222;Fi&amp;Ga&#8220;, Makedonien.<br \/>\n&#8211; KURTHET E DRIT\u00cbS (Die Fallen des Lichts), Roman, 1997. Verlag &#8222;Onufri&#8220;, Tiran\u00eb.<br \/>\n&#8211; TRIUMFI I GJERGJ ELEZ ALIS\u00cb (Der Triumph des Gjergj Elez Alia), Roman, 1999. Verlag &#8222;Onufri&#8220;, Tiran\u00eb.<br \/>\n&#8211; STINA E UJKUT (Die Jahreszeit des Wolfs), Roman, 2000. Verlag &#8222;Camaj &amp; Pipa&#8220;, Shkod\u00ebr.<br \/>\n&#8211; T\u00cb LIR\u00cb DHE T\u00cb BURGOSUR (Frei und eingesperrt), Roman, 2000. Verlag &#8222;Buzuku&#8220;, Prishtin\u00eb.<br \/>\n&#8211; V\u00cbLLA ME CENTAUR\u00cbT (Mit Zentauren verbr\u00fcdert), Parabeln, 2000. Verlag &#8222;Buzuku&#8220;, Prishtin\u00eb.<br \/>\n&#8211; TRIUMFI I DYT\u00cb I GJERGJ ELEZ ALIS\u00cb (Der zweite Triumph des Gjergj Elez Alia), Roman, 2002. Verlag<br \/>\n&#8222;Buzuku&#8220;, Prishtin\u00eb.<br \/>\n&#8211; EMAIL (E-Mail), Roman, 2003. Verlag &#8222;Sejko&#8220;, Tiran\u00eb.<\/p>\n<p>Ridvan Dibra wurde am 9. Januar 1959 in Shkod\u00ebr geboren. An der Luigj-Gurakuqi-Universit\u00e4t seiner Heimatstadt diplomierte er in Albanischer Sprache und Literatur. Er hat als Lehrer in Kuk\u00ebs (&#8217;82 &#8211; &#8217;87) und Journalist in Shkod\u00ebr (&#8217;88 &#8211; &#8217;94) gearbeitet. Derzeit ist er Dozent f\u00fcr Albanische Literatur an der Universit\u00e4t in Shkod\u00ebr.<\/p>\n<p>E-mail: r-dibra@unishk.albnet.net<\/p>\n<p>Ridvan Dibras Schaffen wurde mit mehreren nationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. Es liegen \u00dcbersetzungen in deutscher, italienischer, makedonischer und serbokroatischer Sprache vor. Profilierte albanische Kritiker und Autoren haben sich zu Dibras Werk ge\u00e4u\u00dfert:<\/p>\n<p>&#8222;Die Romane, Kurzgeschichten, Novellen und Parabeln weisen dem Schriftsteller Ridvan Dibra einen bedeutenden Platz in diesem Genre der albanischen Literatur zu &#8230; Der Leser hat das Vergn\u00fcgen, diesen Autor als begabten Erz\u00e4hler epischen Zuschnitts und zugleich als Denker mit einer innovativen Erz\u00e4hltechnik zu erleben &#8230; &#8220;<\/p>\n<p><b>Ali Aliu, Literaturkritiker <\/b><\/p>\n<p>&#8222;Ridvan Dibra vervollst\u00e4ndigt immer mehr sein Image als seri\u00f6ser und skrupul\u00f6ser Prosaautor, der sich selbst mehr abverlangt als dem Leser. Sein Werk erfordert nichts weiter als Aufgeschlossenheit.&#8220;<\/p>\n<p><b>Shp\u00ebtim Kelmendi, Schriftsteller<\/b><\/p>\n<p>&#8222;&#8230; Dibra schreibt eine meisterhafte Handschrift, die zu den brillantesten der albanischen Literatur z\u00e4hlt.&#8220;<\/p>\n<p><b>Shk\u00eblzen Maliqi, Kunsthistoriker<\/b><\/p>\n<p>&#8222;Die Parabeln Ridvan Dibras lassen in der Komplexit\u00e4t ihrer \u00fcberbordenden Phantasie an Kafkas Parabeln oder auch an Updikes r\u00e4tselhafte Skizzen denken. Ich meine dies, wohlverstanden, als literarische Parallele im Sinne einer typologischen \u00c4hnlichkeit und damit eines neuen Ph\u00e4nomens in unserer Literatur.&#8220;<\/p>\n<p><b>Bashkim Shehu, Schriftsteller<\/b><\/p>\n<p>&#8222;Ridvan Dibra tritt den Beweis an, dass man Literatur nicht nur dann schreiben kann, wenn man mit dem Sch\u00e4del gegen dicke W\u00e4nde gewaltiger nationaler oder sozialpolitischer Themen und Konflikte rennt. F\u00fcr ihn ist Literatur ein Text, der anregt und kommuniziert, der die Denotation des Wortes hintanstellt und seiner Konnotation Denkm\u00e4ler errichtet. Er nimmt den Faden auf, den Ernest Koliqi mit der Sprachkunst seiner ber\u00fchmten Erz\u00e4hlungen in den drei\u00dfiger Jahren gesponnen hatte &#8230;&#8220;<\/p>\n<p><b>Stefan \u00c7apaliku, Dramatiker<\/b><\/p>\n<p>&#8222;In Dibras Werk scheint ein Echo aus der Erz\u00e4hlkunst von George Orwell&#8217;s &#8222;Farm der Tiere&#8220; oder der Prosa eines James Joyce anzuklingen. Der Literatur Albaniens haben ein derartiger Diskurs, derartige stilistische Modalit\u00e4ten und derartige erz\u00e4hlerische Transformationen gefehlt.&#8220;<\/p>\n<p><b>Prend Buzhala, Literaturkritiker<\/b><\/p>\n<p>&#8222;Dibra hat die thematischen Tabus gebrochen, welche die Literatur des Sozialistischen Realismus in Albanien beherrscht haben. In diesem Zusammenhang ist zu sagen, da\u00df er zu denen geh\u00f6rt, die das Bewu\u00dftsein des K\u00fcnstlers davon, da\u00df der thematische Gegenstand polychrom ist und unbegrenzte M\u00f6glichkeiten des Zugangs und des Definierens birgt, wiederhergestellt haben.&#8220;<\/p>\n<p><b>Kujtim Rrahmani, Schriftsteller<\/b><\/p>\n<p>&#8212; <em>Aus dem Albanischen \u00fcbersetzt von <b>Hans-Joachim Lanksch<\/b><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[ Ridvan Dibra auf Deutsch I ] Albanische Literatur Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi | Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan \u00c7apaliku | Sokol Zekaj Einige Verfasser von Shkodra \u00fcbersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch Ridvan Dibra [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":494,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":{"0":"post-52","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-allgemein"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=52"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":495,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52\/revisions\/495"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/494"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=52"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=52"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=52"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}