{"id":46,"date":"2014-11-14T10:06:30","date_gmt":"2014-11-14T09:06:30","guid":{"rendered":"http:\/\/shkoder.net\/go\/de\/?p=46"},"modified":"2020-09-27T16:08:30","modified_gmt":"2020-09-27T14:08:30","slug":"martin-camaj-auf-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/shkoder.net\/de\/martin-camaj-auf-deutsch\/","title":{"rendered":"Martin Camaj auf Deutsch"},"content":{"rendered":"<p><i>Albanische Literatur<\/i><\/p>\n<p><center><b>Auf Deutsch von <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=32\">Hans-Joachim Lanksch<\/a><\/b><br \/>\n<a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=34\">Arshi Pipa<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=27\">Brikena Smajli<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=38\">Frederik Rreshpja<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=41\">Gazmend Krasniqi<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=43\">Ledia Dushi<\/a><br \/>\n| <b>Martin Camaj<\/b> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=49\">Primo Shllaku<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=52\">Ridvan Dibra<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=60\">Stefan \u00c7apaliku<\/a> | <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=29\">Sokol Zekaj<\/a><\/center><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Einige Verfasser von Shkodra \u00fcbersetzt auf Deutsch von <a href=\"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=32\">Hans-Joachim Lanksch<\/a><\/em><\/p>\n<h3><strong>Martin Camaj (1927-1992) &#8211; Synthese von Gegens\u00e4tzen<\/strong><\/h3>\n<p><strong>1.<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/shkoder.net\/images\/fjala\/martin_camaj.jpg\" alt=\"Martin Camaj\" width=\"200\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"10\" \/> Gegens\u00e4tzliches und Widerspr\u00fcchliches durchzieht wie ein roter Faden das Leben und Schaffen Martin Camajs. Das beginnt bereits bei seinem Geburtsjahr, das \u00fcberall mit 1925 angegeben ist. &#8222;Das ist ein Fehler in meinen Papieren. Ich bin 1927 geboren&#8220;, sagte Camaj.<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch mu\u00dfte er weitaus gravierendere Gegens\u00e4tze verkraften. Er wuchs in einer ablegenen Bergregion Nordalbaniens auf, deren Leben durch archaische Formen bestimmt war. Die geistige Kost in dieser Bergwelt war gepr\u00e4gt von ihrer Schriftlosigkeit. Was gesungen und erz\u00e4hlt wurde, stammte aus m\u00fcndlichen \u00dcberlieferungen. Diese oralen Traditionen waren gekennzeichnet durch Verzicht auf ged\u00e4chtnisbelastenden Ballast, formelhaft zusammenraffende Wiedergabe sich wiederholender Inhalte und durch bildhafte Darstellung, man dachte und sprach in Bildern.<\/p>\n<p>Um ein wenig die Welt zu veranschaulichen, in der Martin Camaj seine Kindheit verbrachte, sei hier eine Begebenheit berichtet, die er selbst erz\u00e4hlt hat: Die Dorfbewohner glaubten, die Seelen der Verstorbenen als Schatten durch die Luft fliegen zu sehen. &#8211; Das Wort &#8218;Schatten&#8216; wird uns in Camajs Gedichten des \u00f6fteren begegnen. &#8211; Der Ortsgeistliche, ein Pater Pepa, hatte im fernen Graz Theologie studiert. Er hatte bereits viele lange Jahre hindurch seinen Dienst unter den Bergbewohnern versehen, als ihn der kleine Camaj fragte, was er denn von der Sache mit den Schatten halte. Der Theologe antwortete: &#8222;Inzwischen sehe ich sie schon selber.&#8220;<\/p>\n<p>Aus dieser Welt kam Martin Camaj in eine f\u00fcr ihn ganz andere und zun\u00e4chst fremde Welt am italienischen Jesuiten-Gymnasium in Shkodra. Aus der Welt der Bilder kam er in die Welt der Bildung, aus dem kleinen Dorf Temal in das urbane Ambiente von Shkodra, vom Berg in die Ebene. Dazwischen lagen f\u00fcr ihn Welten: Das Leben oben stand im Zeichen der Hirtenkultur, das Leben unten im Zeichen des Handwerks und des Ackerbaus. Martin Camaj charakterisierte sp\u00e4ter im Gespr\u00e4ch die beiden Bereiche damit, da\u00df man sich in der rauhen Bergwelt in Wolle kleidete, unten im Tal in Leinengew\u00e4nder. Auf den sensiblen Camaj hat das unterschiedliche Empfinden dessen, was man auf der Haut trug, lebenslang einen nachhaltigen Eindruck gemacht. Aus den beiden Sph\u00e4ren, in denen Martin Camaj seine Kindheit und Jugend verbrachte, hat er sich einerseits die Vertr\u00e4umtheit des Hirtenbuben und dessen F\u00e4higkeit bewahrt, hinter der \u00e4u\u00dferen Erscheinung der Dinge in der kargen Bergwelt eine tiefere und weitere Dimension zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/shkoder.net\/images\/shkodra\/magisteratarbeit_dardan_dobra.jpg\" alt=\"Ibrahim Rugova - Martin Camaj - Magisteratarbeit, Dardan Dobra\" width=\"500\" align=\"center\" border=\"0\" hspace=\"10\" \/><strong>Ibrahim Rugova &#8211; Martin Camaj &#8211; Magisteratarbeit, Dardan Dobra<\/strong><\/p>\n<p>In gleichem Ma\u00df hat er sich &#8211; neben gr\u00fcndlicher Bildung, Disziplin und analytischem Denken &#8211; die Klarheit im Geistigen bewahrt, die ihm durch jesuitische Spiritualit\u00e4t vermittelt worden war. Beides, tr\u00e4umerische Hellsichtigkeit und geistige Klarheit, l\u00e4\u00dft sich subsummieren unter dem Begriff der In-spiration und bildet einen N\u00e4hrboden f\u00fcr den k\u00fcnftigen Dichter Camaj. Dieser N\u00e4hrboden wurde, um im Bild zu bleiben, ged\u00fcngt einerseits mit den Inhalten und Formen des Schatzes m\u00fcndlicher \u00dcberlieferungen, die der kleine Camaj in sich aufgesogen hatte, und andererseits mit der umfassenden literarischen Bildung, die er sich bei den Jesuiten in Shkodra angeeignet hatte und sich auf weiteren Stationen seines Lebensweges noch aneignen sollte.<\/p>\n<p>Martin Camaj floh Ende der vierziger Jahre vor dem neuen Regime. In Jugoslawiens Hauptstadt Belgrad studierte er romanische, slawische und albanische Sprach- und Literaturwissenschaft &#8211; wiederum in einer fremden Welt, noch dazu in einer fremden Sprache. Nach dem Studienabschlu\u00df ging er 1956 mit Hilfe seiner ehemaligen italienischen Lehrer nach Italien. In der Metropole Rom absolvierte er ein weiteres Philologiestudium. Hier hatte er zahlreiche Kontakte zu anderen exilierten Autoren und lernte durch sie und als Chefredakteur einer Literaturzeitschrift den Literaturbetrieb von innen und vor allem die europ\u00e4ischen Gegenwartsliteraturen und die Literatur der europ\u00e4ischen Moderne kennen; besonders beeindruckt war er von T. S. Eliot, Juan Ram\u00f3n Jim\u00e9nez und Salvatore Quasimodo.<\/p>\n<p>Camaj distanzierte sich von der Bukolik seiner beiden in Jugoslawien erschienenen Erstlingswerke und vollzog in den beiden in Rom publizierten B\u00e4nden den \u00dcbergang zum freien Vers. Seine wissenschaftliche Laufbahn fand ihre Endstation in der Professur f\u00fcr Albanologie an der Universit\u00e4t in M\u00fcnchen, wo er seit 1961 Albanisch unterrichtete. Je mehr hier sein literarisches Hauptwerk heranwuchs &#8211; in erster Linie f\u00fcnf B\u00e4nde Lyrik und drei B\u00e4nde Prosa &#8211; umso wortkarger wurden seine Gedichte.<\/p>\n<p><strong>2.<\/strong><\/p>\n<p>Die Publikationsgeschichte Camajs in Deutschland ist ein Trauerspiel, das wir hier lieber \u00fcbergehen wollen. Nur soviel sei angedeutet: Wann und wo immer hierzulande das Stichwort &#8222;albanische Literatur&#8220; f\u00e4llt, f\u00e4llt unweigerlich ein Name: Ismail Kadare &#8211; und dann verlie\u00dfen sie ihn&#8230;<\/p>\n<p><strong>Martin Camaj<\/strong> ist in Albanien noch ein bekannter Unbekannter. In der Zeit der Diktatur war er de facto verboten.<\/p>\n<p>Camajs Literatur war unpolitisch und war gerade dadurch ein Politikum. Der albanische Diktator Enver Hoxha und seine Schranzen hatten die Literatur ideologisiert als &#8222;eine m\u00e4chtige Waffe in den H\u00e4nden der Partei zur Erziehung der werkt\u00e4tigen Massen im Geist des Sozialismus und Kommunismus.&#8220; Die Politisierung der Literatur ging so weit, da\u00df man ihr eine &#8222;marxistisch-leninistische \u00c4sthetik&#8220; \u00fcberst\u00fclpte, in der es nur &#8222;Typisches&#8220; gab und nach der das Kollektive alles und das Individuelle nichts galt. Martin Camaj mu\u00dfte den Herrschenden in Albanien nicht nur dadurch ein Dorn im Auge sein, da\u00df er subjektive Gef\u00fchle und individuelle Gedanken artikulierte, sondern auch dadurch, da\u00df man ihn nicht einmal als Vorzeigefeind benutzen konnte. Er schrieb keine antikommunistischen Erg\u00fcsse wie viele andere in der Emigration. Camaj sagte von sich: &#8222;Ich bin kein Mensch der Politik. Ich bin ein politischer Mensch.&#8220; So einen schweigt man lieber tot.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Martin Camaj und Erika Camaj\" src=\"http:\/\/shkoder.net\/images\/martin_camaj_me_te_shoqen.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p>Der Name Martin Camaj wurde in Albanien erst nach dem offiziellen Ende der Periode des &#8222;Sozialistischen Realismus&#8220; allgemein bekannt. Man nahm verwundert zur Kenntnis, da\u00df es fern des Mutterlandes einen bis dato unbekannten Albaner gab, der hochkar\u00e4tige Literatur schrieb und ein \u00fcberaus w\u00fcrdiger Tr\u00e4ger albanischer Kultur war. Der Name Camaj hatte, zumindest in Nordalbanien, bald Kultstatus. Man trug ihn wie eine Ikone vor sich her, ohne jedoch sein Werk wirklich zu kennen.<\/p>\n<p>Nach der f\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Z\u00e4sur des literaturfeindlichen &#8222;Sozialistischen Realismus&#8220; war Camajs Werk f\u00fcr die albanischen Leser in seinem hohen Grad an Verdichtung und Abstraktion schwer zug\u00e4nglich. Zu der anspruchsvollen Textur von Camajs Werken, die immer auch Kompositionen von Bildern und Kl\u00e4ngen sind, kommen Schwierigkeiten, Camajs Sprache zu ergr\u00fcnden, ein moderat nordalbanisches Idiom, das seit den siebziger Jahren in Albanien aus der Literatur und dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt worden war.<\/p>\n<p>Das Ungew\u00f6hnlichste f\u00fcr den albanischen Leser waren wohl zwei Ph\u00e4nomene. Martin Camaj &#8211; als Privatperson ein origineller Ver\u00e4chter spie\u00dfb\u00fcrgerlicher Konventionen &#8211; verabscheute gro\u00dfe Worte. So fehlen in seinen Werken drei Elemente, die in Enver Hoxhas Reich und dessen Literatur durchaus kultiviert wurden: Pathetik, vaterl\u00e4ndisches Ges\u00fclze und die Glorifizierung albanischen Heldentums. Camaj h\u00e4tte hier sicher dem Wort einer mutigen albanischen Autorin von heute zugestimmt, Elvira Dones: &#8222;Albanien braucht keine Schriftsteller, die ihm sagen, wie gro\u00dfartig es ist.&#8220;<\/p>\n<p>Das zweite ungewohnte Ph\u00e4nomen war, da\u00df ein bedeutender albanischer Autor die albano-zentrische Sichtweise hinter sich lie\u00df. Camajs Literatur behandelte nicht die &#8222;Trag\u00f6die der Geschichte des albanischen Volkes&#8220;, wie es als Hauptgegenstand albanischer Literatur zu postulieren Ismail Kadare nicht m\u00fcde wird. Statt um kollektive albanische Belange zu kreisen, hatte Camajs Literatur pers\u00f6nliches Erleben und universale Themen zum Gegenstand. Hier treffen die Worte eines anderen albanischen Nichtkonformisten zu, Kas\u00ebm Trebeshina: &#8222;Ich denke, da\u00df Literatur eine Reise zum Unbekannten ist, um die Innenwelt des Menschen zu entdecken.&#8220;<\/p>\n<p>In der albanischen Literatur war Camaj nicht nur thematisch sondern auch stilistisch ein auf Traditionen aufbauender, Konventionen verwerfender Neuerer. Aus der Schule des Shkodranischen Literaturkreises stammend hat er oberfl\u00e4chlich Archaisierendes und Idyllisierendes rasch \u00fcberwunden und hat, mit antiker griechischer und lateinischer Literatur, mit Dante ebenso wie mit Montale, Milosz und Alberti vertraut, moderne Lyrik geschrieben. Er hat im Leben wie in der Kunst, was er \u00fcbrigens nicht voneinander trennte, stets eine Synthese zwischen gegens\u00e4tzlichen Polen angestrebt: zwischen Archaik und Moderne, zwischen Berg und Tal, Form und Inhalt, zwischen Kunst und Wissenschaft, Lyrik und Prosa, Heimat und Fremde, N\u00e4he und Distanz, Einsamkeit und Gemeinschaft, zwischen m\u00e4nnlich und weiblich, zwischen Nord und S\u00fcd, warm und kalt, Licht und Dunkel usw. In der Literatur hat er dabei erreicht, wof\u00fcr er sein Leben lang gek\u00e4mpft hat: Harmonie.<\/p>\n<p><center>von <b>Hans-Joachim Lanksch<\/b><\/center><\/p>\n<hr \/>\n<h3><strong>MARTIN CAMAJ<\/strong><\/h3>\n<p><strong>DEM TOTEN DICHTER<\/strong><\/p>\n<p>Du warst kurzatmig<br \/>\ndenn der Stein am Berg sp\u00fcrte nicht<br \/>\ndas Gewicht deiner Verse.<br \/>\nDeinen Namen verga\u00dfen die M\u00e4dchen<br \/>\nund der Schatten deiner Verse<br \/>\ntr\u00fcbt nur die Augen reifer Frauen<br \/>\ndie tr\u00e4umen von vergangener Jugend.<br \/>\nDeine Freunde, die Dichter, sagen<br \/>\nbesch\u00e4ftigt h\u00e4ttest du dich nur<br \/>\nmit der Farbe der Dinge.<br \/>\nSo lebst du auch fort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>DICHTUNG<\/strong><\/p>\n<p>Ein abstraktes Wort, klingend<br \/>\nes wandert \u00fcber W\u00fcnsche in Gesichtern<br \/>\nund Gef\u00fchle die untergingen<br \/>\nin Wassern aus Farben.<br \/>\nIn reinem Glas erbla\u00dft es<br \/>\nund der Schmetterling<br \/>\nbeginnt den Flug kurvenreich<br \/>\nwie eh und je<br \/>\ndurch Schatten aus Licht.<br \/>\nGold ist<br \/>\nnur im Bauch eines Egels<br \/>\nder einst Blut trank.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>MEIN VERS<\/strong><\/p>\n<p>Mein Vers war keine Trag\u00f6die<br \/>\nam Anfang nicht am Ende nicht.<br \/>\nEr war ein wollener Faden<br \/>\ngesponnen unter den Kuppen<br \/>\nvon Frauenfingern<br \/>\nund ri\u00df ab bei der Verwundung<br \/>\ndes Herzens,<br \/>\neine hauchfeine Verwundung.<br \/>\nEin Stengel mit einer Bl\u00fcte obenauf<br \/>\nohne Frucht<br \/>\ndas w\u00e4re<br \/>\neine Schlange.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>SCHENKT MIR ETWAS<\/strong><\/p>\n<p>Schenkt mir was mir behagt<br \/>\nwie der erste Ku\u00df meiner Mutter auf die Stirn;<br \/>\nbereitet mir Freude<br \/>\nwie junges Laub in der Brise sich freut,<br \/>\nschaut mich an wie der Mond durch die Zweige<br \/>\nund alles schenk ich euch dann:<br \/>\nGevatterin Tod werde ich k\u00fcssen auf eisstarre Lippen<br \/>\nund in die H\u00f6hlen ihres Augs<br \/>\nTr\u00e4nen dann gie\u00dfen.<br \/>\nTritt n\u00e4her, Mensch!<br \/>\nAus dem Mark des Hasses m\u00f6cht ich heraus<br \/>\nwie die Pflanze aus der Saat im Fr\u00fchling.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>ZWEI SACHEN SAGTEN MIR DIE ELTERN<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Sachen sagten mir die Eltern solang sie lebten:<br \/>\nTrittst du aus Versehen auf Brot,<br \/>\nHeb&#8217;s auf vom Boden, k\u00fc\u00df es und leg&#8217;s auf die Stirn!<br \/>\nGehorch&#8216;, Junge, denn wir sind alt.<br \/>\nWenn du an der Feuerstelle sitzt und rauchst<br \/>\nSpuck&#8216; nicht ins Feuer,<br \/>\nSpuck&#8216; nicht ins Licht, denn das ist schlecht!<br \/>\nVieles verga\u00df ich was die Eltern mir sagten<br \/>\nAndres lernt ich viel und wurde vielleicht ein Schecke;<br \/>\nDoch meinen S\u00f6hnen werd ich sagen wenn sie wachsen:<br \/>\nTretet nicht auf Brot,<br \/>\nSpuckt nicht ins Feuer,<br \/>\nSpuckt nicht ins Licht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>ZWEITE ELEGIE<\/strong><\/p>\n<p>Auf flachem H\u00fcgel in wei\u00dfer Felswelt<br \/>\nder Leithammel kaut und kaut, allein<br \/>\nmutterseelenallein.<br \/>\nZwei Augen &#8211; winzige Spiegel am offnen Feuer &#8211;<br \/>\ngebrochen vor winterstarrem Frost<br \/>\nund mein Gesicht werd ich nie mehr sehn.<br \/>\nMond bricht sich durch Wolken die Bahn allein.<br \/>\nHinter Wolken der Schatten und hinter erloschnen Sonnen<br \/>\nzieht allein mein Schmerz mit ihm einher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>DIE OLEANDER<\/strong><\/p>\n<p>Tausend Oleander wei\u00df und rot<br \/>\ngr\u00fc\u00dfen das Wei\u00df des Lichtes<br \/>\nund die Weitherzigkeit des stillen Meers.<br \/>\nDer Flug der Schwalben ruft mich<br \/>\nund ich breche auf.<br \/>\nEin Oleander breitet die rechte Seite aus<br \/>\nals Kopfkissen f\u00fcr die Wangen.<br \/>\nIch habe Stahl und Feuerstein bei mir<br \/>\nund zwei Kienspane bereit f\u00fcr das Dunkel der Nacht.<br \/>\nIch breche auf.<br \/>\nDer Fl\u00fcgel der Schwalbe im Vor\u00fcberfliegen<br \/>\nkaum ber\u00fchrend k\u00fc\u00dft die Oleander mit Lippen<br \/>\ndie den Geschmack von Schatten in der Hitze haben.<br \/>\nDer Sinn des Endes verfolgt mich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>UNTERF\u00dcHRUNG<\/strong><\/p>\n<p>Er kam ungerufen<br \/>\nwer wei\u00df woher.<br \/>\nNachts umfa\u00dfte ihn der Tunnel<br \/>\nmit vier Wandarmen<br \/>\nzu beiden Seiten, einer unten<br \/>\nund einer oben,<br \/>\nvierfach beleuchtet<br \/>\nhell entflammt<br \/>\nZwei F\u00fc\u00dfe und ein Schritt<br \/>\nohne Schatten neben sich<br \/>\nbegleiten ihn unter Tage<br \/>\ndurch den Fels,<br \/>\nvon Stadt zu Stadt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>ERINNERUNG<\/strong><\/p>\n<p>Vor dem Sturz der Engel<br \/>\nin Finsternis<br \/>\nschlief ich mit dir<br \/>\nunter der Decke des Wassers im Meer.<br \/>\nDie Erinnerung an dich ist geblieben,<br \/>\nein trockenes Blatt am Zweig.<br \/>\nEs reicht ein Bienenflug<br \/>\ndar\u00fcber hinweg<br \/>\nund es f\u00e4llt zu Boden<br \/>\nzwischen tausend andere Bl\u00e4tter Laub.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" title=\"Vajza me lule\" src=\"http:\/\/shkoder.net\/images\/vajza_me_lule.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" border=\"0\" \/><em>Photo von\u00a0<strong><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/buzgaz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Anila Milani<\/a><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>L U L E<\/strong> (<em>Blume<\/em>)<\/p>\n<p><strong>I<\/strong><br \/>\nHeute abend sagte man mir da\u00df ein Mensch starb<br \/>\ndarum bin ich traurig, Lule.<br \/>\nDie Liebe ist die einzige steinerne St\u00fctze<br \/>\nwenn jenseits des Zaunes<br \/>\ndie Pfeile des Eises fliegen.<br \/>\nZwei Herzen leiten die Blitze mehr<br \/>\nals zwei Schwerter R\u00fccken an R\u00fccken<br \/>\ndie Schneiden nach au\u00dfen.<br \/>\nDer Gedanke an das Ende, Lule<br \/>\nflieht, wenn du da bist, wie ein wilder Vogel<br \/>\ndorthin, woher das Dunkel kommt.<\/p>\n<p><strong>II<\/strong><br \/>\nDas Schwarz deiner Augen m\u00f6chte ich nicht<br \/>\nauf schmalen Stegen treffen.<br \/>\nDie Flamme des Auges will ich auf dem Feld<br \/>\nund dein Apfelherz<br \/>\nauf einem Ast ausgelegt, in der H\u00f6he<br \/>\neines Armes \u00fcber der Erde.<br \/>\nSei stumm in der D\u00e4mmerung,<br \/>\nder freundlichen, auf dem Feld<br \/>\nund vor weitherzigem Wind<br \/>\nder jede Grasspitze umarmt.<br \/>\nLule, zieh das bleiche Gewebe vom Mond<br \/>\nund breite es aus auf der Erde.<\/p>\n<p><strong>III<\/strong><br \/>\nDeine Augen &#8211; Samtblumen &#8211; kennen keinen<br \/>\nFrieden. Bring nicht den Wind des Nordens mit<br \/>\nsondern Feuer, da\u00df wir zusammen es erhalten<br \/>\nin dieser langen Nacht.<br \/>\nLule, die Liebe<br \/>\nweilt hier solange der Mond<br \/>\nim Angesicht unsrer Feuer steht<br \/>\nund bis das Licht des Morgenrots<br \/>\ndie letzte Glut verzehrt!<\/p>\n<p><strong>IV<\/strong><br \/>\nDu bist in meinem Herzen<br \/>\nund ich kann mit keinem Laut sprechen<br \/>\num die Stille des F\u00fchlens nicht zu zerst\u00f6ren.<br \/>\nDeine Stimme erkenne ich unter den Kl\u00e4ngen<br \/>\nvon tausend Wasserstrahlen.<br \/>\nDie violette Blume die aufbl\u00fcht<br \/>\nhat zartbenetzte und schimmernde Bl\u00e4ttchen.<br \/>\nSo auch deine morgendlichen Lippen.<br \/>\nDu hast hinter den Brauen den Schatten des Sterns<br \/>\nder nur eine Seite entschleiert<br \/>\nund meine Hoffnung, mit der Gestalt deines Schattenbildes<br \/>\nin den H\u00e4nden, leidet in Schmerzen,<br \/>\nt\u00f6dlich vielleicht.<\/p>\n<p><strong>V<\/strong><br \/>\nMein F\u00fchlen flie\u00dft und verliert sich<br \/>\nin deinem bitteren L\u00e4cheln.<br \/>\nTausend Stimmen springen auf<br \/>\n&#8211; Schwerter reifer Lilien &#8211;<br \/>\nwenn du den W\u00fcnschen drinnen<br \/>\nnein sagst. Dann kommt der Regen<br \/>\nund die Spitzen der Lilien werden sanft.<br \/>\nZwischen die schwarzen Haare und die Brauen<br \/>\nhefte ich den Blick<br \/>\num den Faden des einzigen Gedichts<br \/>\nmeines gluthei\u00dfen Alters zu finden.<\/p>\n<p><strong>VI<\/strong><br \/>\nAbgesplittert bin ich, Lule<br \/>\nund ziehe von Ort zu Ort<br \/>\nin St\u00fcrmen kalter Nordwinde, gehetzt.<br \/>\nWenn ich Halt mache, blicke ich in mich<br \/>\nund sehe dein Gesicht und vor dir<br \/>\nWege von Oleandern ges\u00e4umt.<br \/>\nDrei Schritte dahinter<br \/>\nerstreckt sich verbrannte Erde<br \/>\nmit Steinen und Felsen ins Endlose.<br \/>\nKomm wieder am Morgen<br \/>\nin der Zeit des Liedes das ges\u00e4ttigt ist<br \/>\nim Anbruch des Tages.<br \/>\nWenn du kommst, keimen \u00fcber verbrannten \u00c4hren<br \/>\naus Wurzeln neue Triebe.<\/p>\n<p><strong>VII<\/strong><br \/>\nIn der Zeit des Liedes<br \/>\ndas der Steinkauz singt<br \/>\nfiel das Licht aus dem Auge eines Sterns<br \/>\nwie ein Meteor auf mich<br \/>\nund beschien dein Gesicht:<br \/>\nes war die Verdammnis des Nachtgeborenen!<br \/>\nBin Reiter auf schmalen Steigen,<br \/>\nber\u00fchre nie wieder<br \/>\ndas Morgenrot deiner Haare.<br \/>\nIch wandere mit den Schatten der sp\u00e4ten Nacht<br \/>\nund sehe deine Finger<br \/>\ndas wei\u00dfe Blatt eines Lebens<br \/>\nschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>WEIT FORT <\/strong><\/p>\n<p>Wie Zischen des Windes zwischen den Weiden<br \/>\ndie satt sind vom Wasser der B\u00e4che<br \/>\nh\u00f6re ich, vor Zeiten, Verw\u00fcnschungen<br \/>\nwie sie dem Teufel Leib und Seele vermachen<br \/>\nschauerliche Schw\u00fcre<br \/>\nbeim Stein, Himmel und der Erde.<br \/>\nIch bin weit fort von denen die reden wie ich<br \/>\nso weit wie der Mond der von Strahl zu Strahl f\u00e4llt<br \/>\nund aus Steintr\u00f6gen Milch trinkt<br \/>\ndie drau\u00dfen steht.<br \/>\nDer Steinkauz im Morgengrauen<br \/>\nund der Stein im Wasser schluckt den Klang<br \/>\nder Verdammung: im Morgengrauen<br \/>\nsegnet der Mensch die Sonne wie ich!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>FORM<\/strong><\/p>\n<p>Gewand gewebt von einer Hand<br \/>\nvon Kopf bis Fu\u00df<br \/>\nForm<br \/>\neine Freude f\u00fcr Auge und Ohr<br \/>\nForm Einfachheit<br \/>\nentstanden in steiniger M\u00fche<br \/>\nerfahren auf Pfaden die<br \/>\nkein Fu\u00df kein Huf betrat.<br \/>\nFederleicht scheinend<br \/>\ngewichtig wie Eisen<br \/>\nKlang oder Farbe<br \/>\nlichtklar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>VERLORENER FADEN<\/strong><\/p>\n<p>Vergangene Nacht verl\u00f6schten die Lichter und finster<br \/>\nlag die Stadt bis der Tag graute.<br \/>\nDie Frauen suchten \u00d6l und Dochte<br \/>\nund fanden sie nicht im Finstern.<br \/>\nAm Morgen versank die Sonne und bla\u00df<br \/>\nwurden die Fl\u00e4chen der Wolkenkratzer.<br \/>\nAm Morgen besah ich den Kreis der Tr\u00e4ume<br \/>\nam Boden<br \/>\nund fand den verlorenen Faden<br \/>\ndort wo das Licht abri\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>IN DER SCHATTENTIEFE DER DINGE<\/strong><\/p>\n<p>In der Schattentiefe der Dinge wo ich heut nachmittag ruhte<br \/>\ngedankenverloren Grashalme zupfte<br \/>\nsingen Zikaden der Nacht.<br \/>\nAm Herdfeuer h\u00f6re ich<br \/>\nH\u00fclsen<br \/>\ndes Ginsters<br \/>\nzerspringen in meiner Brust.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>VENUS, STERN DER SOMMERNACHT<\/strong><\/p>\n<p>Geboren an einem Streifen Fels<br \/>\nmit drei \u00d6lb\u00e4umen:<br \/>\nstiegst von dort herab und kamst<br \/>\nunter die Menschen<br \/>\nan der Lippe der unendlichen Wasser.<br \/>\nDie Sommernacht in solcher Sch\u00f6nheit<br \/>\nwie du<br \/>\nstreichelt den Schatten der Stirn<br \/>\nzugewandt dem Meer ohne Licht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>SEHNEN LEBENSLANG<\/strong><\/p>\n<p>Ein Verlangen: die Liebe geschlossener Augen<br \/>\nzwei durchsichtige \u00c4pfel<br \/>\nKerne aus Feuer darin.<br \/>\nDas festverwurzelte Herz<br \/>\nlangt nach ewigem Sehnen<br \/>\nund Regentropfen fallen<br \/>\nauf nimmersatten Karst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>DIE SCHWALBE<\/strong><\/p>\n<p>Schwarze Fl\u00fcgel<br \/>\ninmitten von Schneeflocken<br \/>\nin den Alpen<br \/>\ndie Schwalbe<br \/>\nauf versp\u00e4tetem Zug<br \/>\ngen S\u00fcden.<br \/>\nMit Fl\u00fcgeln wie Laub<br \/>\ndes Sp\u00e4therbstes k\u00e4mpft sie<br \/>\ngegen wirbelnde Winde an<br \/>\ndem h\u00f6chsten Pa\u00df entgegen.<br \/>\nJeder hat zwei Wege vor sich<br \/>\nund einen nur die Schwalbe:<br \/>\nwei\u00df werden.<\/p>\n<p>&#8212; <em>Aus dem Albanischen \u00fcbersetzt von Hans-Joachim Lanksch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Albanische Literatur Auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch Arshi Pipa | Brikena Smajli | Frederik Rreshpja | Gazmend Krasniqi | Ledia Dushi | Martin Camaj | Primo Shllaku | Ridvan Dibra | Stefan \u00c7apaliku | Sokol Zekaj Einige Verfasser von Shkodra \u00fcbersetzt auf Deutsch von Hans-Joachim Lanksch Martin Camaj (1927-1992) &#8211; Synthese von Gegens\u00e4tzen 1. 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