{"id":364,"date":"2018-05-20T07:18:15","date_gmt":"2018-05-20T05:18:15","guid":{"rendered":"http:\/\/shkoder.net\/de\/?p=364"},"modified":"2020-09-27T14:22:45","modified_gmt":"2020-09-27T12:22:45","slug":"shkodra-eine-stadt-steht-wieder-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/shkoder.net\/de\/shkodra-eine-stadt-steht-wieder-auf\/","title":{"rendered":"Shkodra: Eine Stadt steht wieder auf (Die Presse)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #999999;\"><em>Auf der Rruga Kol Idromeno flaniert und diniert abends die ganze Stadt, im Hintergrund die al-Zamil-Moschee. Luftbild von Shkodra im Drina-Tal. \u2013 (c) imago\/robertharding (Ben Pipe Photography)<\/em><\/span><\/p>\n<blockquote><p><strong>Moscheen sind f\u00fcr alle Menschen offen. Kinderwagen, Autos und Radfahrer teilen sich die Stra\u00dfen. Shkodra ist eine entspannte Stadt in Albanien. Vielleicht, weil die Geschichte so ganz anders war.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Von <strong>Michaela Ortis<\/strong><br \/>\n<em>14.05.2018 um 17:21<\/em><\/p>\n<p>Ich bin Katholikin und mit einem Muslim verheiratet, das ist bei uns alles ganz easy\u201c, erz\u00e4hlt Gloria. Die junge Frau wohnt in Shkodra, der \u00e4ltesten Stadt Albaniens, und diese hat einen entspannten Zugang zu Religion \u2013 heutzutage ein bemerkenswertes Vorbild. Im Kommunismus war dies anders, Enver Hoxha rief 1967 den weltweit ersten atheistischen Staat aus. Er lie\u00df Kirchen und Moscheen zerst\u00f6ren und verfolgte Geistliche, lie\u00df sie foltern, schickte sie in Arbeitslager. Shkodra traf es besonders schwer, davon zeugt das neu er\u00f6ffnete Site of Witness and Memory Museum an jenem Ort, an dem die ehemalige Geheimpolizei Sigurimi ihr Gef\u00e4ngnis hatte. Die Gottesh\u00e4user sind heute neu aufgebaut, nahe dem Glockenturm der Franziskanerkirche steht die Moschee Ebu Bekir, die jede und jeder besuchen kann; es gen\u00fcgt, die Schuhe auszuziehen, dann steht man auch schon auf dem weichen hellblauen Teppich unter der gro\u00dfen Kuppel.<\/p>\n<p>Gloria arbeitet als N\u00e4herin in einer Fabrik, abends sitzt sie gern in einer der Konditoreien in der Rruga Kole Idomeneo. In dieser Fu\u00dfg\u00e4ngerzone gibt es so viele Kaffeeh\u00e4user, dass man vor lauter Sonnenschirmen kaum mehr die historischen einst\u00f6ckigen Gesch\u00e4fts- und Wohnh\u00e4user fotografieren kann, sie leuchten orange, gelb und rosa und haben Fensterl\u00e4den aus Holz. Daneben verl\u00e4uft die Rruga Gjuhadol, hier stehen zum Teil nur mehr die Fassaden \u2013 das sei noch immer besser, als sie abzurei\u00dfen und Baul\u00fccken zu lassen, meint die Stadtverwaltung.<\/p>\n<h3><strong>Wahrheit und Retusche<\/strong><\/h3>\n<p>Hier ist das kulturelle Viertel Shkodras \u2013 wer sich in den Nebengassen verl\u00e4uft, entdeckt winzige Ateliers. Der Maler Shp\u00ebtim Garuci verkauft Ansichten aus seiner Stadt zu unglaublich g\u00fcnstigen Preisen. Gro\u00dfz\u00fcgig, wie die Menschen hier sind, verschenkt er ein aufwendig gedrucktes Buch mit seinen Bildern dazu. Auch die Fototeka Marubi ist hier zu Hause, drei Generationen von Fotografen haben 150.000 Fotoplatten hinterlassen und zeichnen damit ein Bild der Stadt von 1858 bis 1974. Die Zeitdokumente umfassen b\u00fcrgerliche Familien, Freiheitsk\u00e4mpfer, Alltagsszenen; faszinierend sind die retuschierten Fotos aus der Zeit Hoxhas \u2013 Manipulation und Fake News gab es damals auch. Das Original von 1936 zeigt, anl\u00e4sslich des Begr\u00e4bnisses von zwei Patrioten, die politische und geistliche F\u00fchrung Shkodras auf dem Rathausbalkon, darunter auch Hoxha. W\u00e4hrend seines Regimes wurden alle Personen entfernt \u2013 der Diktator steht allein auf dem Balkon.<\/p>\n<h3><strong>Zeit lassen und plaudern<\/strong><\/h3>\n<p>W\u00e4hrend des Essens im Rozafa Seafood in der Marin Bicikemi bietet die mehrspurigen Stra\u00dfe ein buntes Verkehrsspektakel. Viele Radler sind unterwegs, sie haben Radwege, die aber meist von Eltern mit Kinderwagen, Fu\u00dfg\u00e4ngern oder parkenden Autos benutzt werden. Wer parkt, l\u00e4sst gern die Autot\u00fcr in Richtung Stra\u00dfe offen und unterh\u00e4lt sich angeregt mit einem gerade vorbeigehenden Bekannten. Radler und Autos schl\u00e4ngeln sich friedlich vorbei. Da Touristen aus Westeuropa selten sind, fallen sie auf \u2013 eine albanische Familie vom Nachbartisch bietet an, miteinander einen Kaffee zu trinken. Der Mann ist Zivilingenieur beim Stra\u00dfenbau und hat in Luzern ein Praktikum gemacht, daher haben sie gerade den Schweizer Pater Andr\u00e9 zu Besuch, der dolmetscht.<\/p>\n<p>\u201eNach dem Fall des Kommunismus wurde die erste Messe auf einem Friedhof in Shkodra gefeiert, 300 Menschen kamen am 4. November 1990 zusammen, noch illegal. Am n\u00e4chsten Sonntag waren es schon Ttausende Gl\u00e4ubige, Katholiken wie Muslime, darunter auch ich und meine Frau\u201c, erz\u00e4hlt der Zivilingenieur. Nahe dem Restaurant steht die Kathedrale Kisha e Madhe, sie diente im Kommunismus als Sporthalle. Im oberen Stock befindet sich eine Ausstellung, in der ein Foto der Kathedrale vom M\u00e4rz 1991 h\u00e4ngt, auf dem Boden sind Sportfeldmarkierungen zu sehen, dahinter erheben sich Zuschauerr\u00e4nge.<\/p>\n<p>Und dann ist da ein Foto der Messebesucher auf dem Friedhof vom 11. November 1990, darunter sind wohl irgendwo die netten Bekannten vom Restaurant. Sie haben es sich \u00fcbrigens nicht nehmen lassen, die G\u00e4ste auf den Kaffee einzuladen. Beim Verlassen der gastlichen Stadt f\u00e4llt auf, dass es hier kaum Verkehrszeichen gibt. Wer in einen Kreisverkehr f\u00e4hrt, sollte wissen, wo er hinausmuss. Sonst hei\u00dft es zur\u00fcckzufahren \u2013 bei dem entspannten Verkehr kein Problem. \u00d6stlich von Shkodra liegt die Br\u00fccke Ura e Mesit. Von den Osmanen im 18. Jahrhundert erbaut, ist sie die am besten erhaltene Steinbr\u00fccke.<\/p>\n<p>Als besondere architektonische Feinheit \u00fcberspannt sie den Fluss nicht gerade, sondern hat in der Mitte einen Knick. Im S\u00fcden erhebt sich auf einem steilen H\u00fcgel die Burg Rozafa und bietet einen weiten Blick auf den Skutarisee. R\u00f6mer, Venezianer und Osmanen eroberten sie und bauten die Burg zur Festung aus. Heute ist vieles verfallen, doch die Zinnen geben f\u00fcr einige junge Albaner eine perfekte Mutprobe ab: Wer schafft es, von einer Zinne zur andern zu springen? Vor der roten albanischen Fahne mit dem schwarzen Adler ein Bild von jugendlichem \u00dcbermut \u2013 charakteristisch f\u00fcr dieses Land, in dem jeder gelernt hat, nach der Isolation im Kommunismus und der darauffolgenden Anarchie und Korruption sich selbst durchzuschlagen.<\/p>\n<h3><strong>Filmsee mit Fjorden<\/strong><\/h3>\n<p>Von Shkodra lohnt ein Ausflug zum Koman-Stausee. Dieses riesige Projekt wurde in den 1970ern umgesetzt, seither wird fast ganz Albanien von dort mit Strom versorgt. Die Stra\u00dfe wird auf halber Strecke zur Schotterpiste mit unz\u00e4hligen Schlagl\u00f6chern, und so summieren sich die letzten 30 Kilometer zu 1,5 Stunden Fahrzeit, begleitet von riesigen rostenden Strommasten.<\/p>\n<p>Die F\u00e4hre startet am n\u00e4chsten Tag, Ziel ist daher der Campingplatz Natura, der auch Zimmer vermietet, am unteren Ende des Stausees. Der aufkommende Sturm weht Schotterstaub auf, die letzten Meter f\u00fchren \u00fcber eine alte Betonbr\u00fccke, an der zum Gro\u00dfteil das Gel\u00e4nder fehlt, darunter undurchdringlich graugr\u00fcnes Wasser, die starken gelben Lichter des E-Werks beleuchten die graurote felsige Industrielandschaft \u2013 Endzeitstimmung. Kaum zu glauben, dass bis zum Bau der Autobahn 2008 die Verbindung in Richtung Kosovo hier verlief. Auf dem Campingplatz treffen sich dann Steiermark, Salzburg, M\u00fcnchen, Basel und Wien.<\/p>\n<p>Die Beladung der F\u00e4hre am n\u00e4chsten Morgen ist ein Spektakel. Die Rampe passt nur f\u00fcr hohe Allradautos, daher tr\u00e4gt f\u00f6rmlich eine Unzahl schlanker junger Albaner die niedrigen Pkw sorgsam auf das Schiff. Sie suchen Bretter zum Unterlegen, dann schlichten sie die Autos so eng, dass sie durchs Fenster aussteigen m\u00fcssen. Mit Versp\u00e4tung geht es los, bis Fierze sind es zwei Stunden Fahrt durch eine imposante Fjordlandschaft. Bewaldete Bergflanken versinken im Wasser, das seine Farbe von Moosgr\u00fcn bis Blaugr\u00fcn wechselt. Nun wird klar, warum der Koman-See in fast jedem albanischen Film vorkommt. Die F\u00e4hrm\u00e4nner aber haben kein Auge f\u00fcr die Fjorde, sie liefern sich lieber ein Wettrennen mit der zweiten F\u00e4hre \u2013 da ist er wieder, der \u00dcbermut.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Altes Land mit Neuland<\/strong><br \/>\n<strong>Albanien<\/strong>: Ein Land im Aufbau, daher gibt es im Internet noch wenig Infos. \u00dcberblick bietet unter <a href=\"http:\/\/www.albania.al\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.albania.al<\/a> das albanische Tourismusb\u00fcro.<\/p>\n<p>Empfehlenswert ist das Portal <a href=\"http:\/\/www.albanien.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.albanien.ch<\/a>, Individualreisende finden hier aktuelle Informationen zu Stra\u00dfenzustand, Routen und Ausfl\u00fcgen. Im gut betreuten Forum werden Fragen prompt beantwortet.<\/p>\n<p><strong>Shkodra<\/strong>: <a href=\"http:\/\/www.Shkoder.net\">www.Shkoder.net<\/a><\/p>\n<p><strong>Buchtipp<\/strong>: \u201eAlbanien\u201c von Meike Gutzweiler im Reise Know-How Verlag.<br \/>\n<strong>Kosten<\/strong>: Das Preisniveau ist sehr niedrig, man sollte daher kleine Scheine mitnehmen, sonst ist das Herausgeben von Wechselgeld oft schwierig.<\/p>\n<p><strong>Hotels<\/strong>: Vor Ort oder via <a href=\"http:\/\/booking.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">booking.com<\/a>.<br \/>\nKoman-See: F\u00e4hren und Anreise: Berisha, man bietet auch ein Busservice von Shkodra an, <a href=\"https:\/\/komanilakeferry.com\/en\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/komanilakeferry.com\/en<\/a>, oder Alpin: <a href=\"http:\/\/alpin.al\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/alpin.al<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Quelle<\/strong>: <a href=\"https:\/\/diepresse.com\/home\/leben\/reise\/5425199\/Shkodra_Eine-Stadt-steht-wieder-auf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/diepresse.com\/home\/leben\/reise\/5425199\/Shkodra_Eine-Stadt-steht-wieder-auf<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Rruga Kol Idromeno flaniert und diniert abends die ganze Stadt, im Hintergrund die al-Zamil-Moschee. Luftbild von Shkodra im Drina-Tal. \u2013 (c) imago\/robertharding (Ben Pipe Photography) Moscheen sind f\u00fcr alle Menschen offen. Kinderwagen, Autos und Radfahrer teilen sich die Stra\u00dfen. Shkodra ist eine entspannte Stadt in Albanien. Vielleicht, weil die Geschichte so ganz anders [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":465,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":{"0":"post-364","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-allgemein"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/364","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=364"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/364\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":470,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/364\/revisions\/470"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/465"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=364"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=364"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/shkoder.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=364"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}